Doğum günün kutlu olsun, Mr. President

Ich hatte ja nicht weiter vor, mich zu der Türkei-Geschichte zu äußern, wie ich z.B. hier geschrieben habe. Mit dem ganzen Dreck, mit dem man aber jetzt konfrontiert ist, kann ich nicht mehr anders.

Das fing heute morgen bei Fefe an:

Ein österreichischer Wahlbeobachter sagt, bis zu 2,5 Millionen Stimmen im Türkei-Referendum könnten manipuliert worden sein.

Nun geht es hier um OSZE-Wahlbeobachter, die ich ja als blonder, blauäugiger, anständiger Mensch als neutrale, um Objektivität bemühte Berichterstatter im Kopf hatte – also, bis sie sich weigerten, zu der Krim-Abstimmung auch nur hinzugehen, um danach besser (wenngleich uninformiert) lamentieren zu können.

Aber gut, soooo schlimm werden OSZE-Wahlbeobachter doch nicht sein, vor allem nicht solche, die eine “ihre Leserschaft in Medienkompetenz schulen wollende” Autorität, wie Fefe sich selbst darstellt, zitierfähig finden?

Tjo, der “österreichische Wahlbeobachter” heißt Alev Korun, und ist erstmal kein Wahlbeobachter, sondern eine Frau (aber gut, das hätte ich jetzt vom Namen auch nicht erraten, aber ich bin auch nicht Fefe und blogge jeden Dreck, ohne irgendwas dazu zu recherchieren oder die von mir angegebenen Quellen zu lesen).

Nun wäre es natürlich dumm und rein sexistisch, Wahlbeobachterinnen als grundsätzlich schlechter als Wahlbeobachter darzustellen, aber da es hier nur um Alev Korun geht, ist das ziemlich schnuppe: Alev Korun ist eine Grünen-Politikerin, und die ist bzgl. Erdogan – naja, sagen wir mal, voreingenommen:

Nun müssen wir Frau Korun fairerweise zugutehalten, dass sie die Situation in der Türkei wenigstens so zusammenfasst, wie einem das dort jeder Türke erklärt:

Erdogans Stärke ist vor allem die Schwäche der Opposition.

… aber halt mit einem vollkommen anderen Fokus – Frau Korun tut so, als wäre die türkische Opposition eine echte Alternative für die Erdogan-wählenden Türken. Was die Türken, mit denen ich geredet habe, halt nicht so sehen. Ich habe in sechs Jahren wochenlangen Türkeiaufenthalten mit keinem Türken gesprochen, der Erdogan toll fand, aber mit einer Ausnahme wählten die ihn halt trotzdem – mangels Alternativen. Die Ausnahme war Kommunist, dazu muss ich jetzt nichts sagen. Warum die übrigen Türken das so sehen, lässt sich mit Frau Korun schön erklären:

Nachdem in der Türkei seit Jahren ein wilder Raubbau an der Natur betrieben wird, auf Erdbebenplatten Atomreaktoren und an den schönsten Küsten Kohlekraftwerke geplant sind, kämpfen die türkischen Grünen gegen Umweltzerstörung und Atomkraftwerke.

Ich bin etwa 1/4 der 8.300km türkischer Küste entlanggesegelt, und was da wirklich ästhetisch stört, sind Windrädchen. Fairerweise gibt es an der türkischen Ägäisküste so zuverlässig Wind, dass der einen (eher sogar zwei) Namen bekommen hat, weswegen sich die Windrädchen da sogar auch für nicht-Grüne als “Windkraftwerke” bezeichnen lassen, aber ein Kohlekraftwerk würde da dazwischen nun nicht sonderlich auffallen. Das ist keines der Probleme, die irgendein Türke hat.

Und das ist auch das Problem, was ich als Türke mit der Opposition hätte: Da gibt es nur die AKP-Kommunisten und totale Spinner, die die (in der Türkei eh schon unbezahlbaren) Spritpreise noch unbezahlbarer machen wollen. Obwohl sowieso jeder super-arme Bauer seinen LCD-Sat-TV mit einem Solarpanel betreibt, weil es keine zuverlässige (oder auch gar keine) Stromversorgung gibt.

Aber gut, soviel zur Weltfremdheit der Frau Korun, ihre nicht-Unvoreingenommenheit ist das eigentlich wichtige Thema. Die aber natürlich für andere linksgrüne, unter Terrorverdacht stehende “Journalisten” wie Bülent Mumay kein Grund ist, das mal zu hinterfragen, sondern noch einen draufzusetzen (mit freundlicher Unterstützung der FAZ):

Präsident Erdogan hat seinen Willen bekommen, weil er noch während des Spiels die Regeln änderte und 2,5 Millionen Stimmen ohne Stempel als Ja-Stimmen zählen ließ.

Wir rekapitulieren mal: Aus bis zu 2,5 Millionen potentiell manipulierten Stimmen einer super-gebiasten Quelle werden binnen 24 Stunden 2,5 Millionen Stimmen für Erdogan – eine Situation, bei der die politisch korrekte Linke sonst sehr schnell wäre, mal die Statistik anzuzweifeln.

Sorry – an der Stelle glaube ich euch halt kein Wort mehr, liebe Presse. Ich glaube natürlich nicht, dass die Türkei so 100%ig korrekt ist, wie das ein demokratischer Rechtsstaat sein sollte, aber ich weiß auch, dass das Deutschland auch nicht ist (hey, ich kann als kleiner Selbständiger kein Double Irish Sandwich nutzen – wie die großen Parteispender das tun). Die Vor- und Nachteile muss dann halt jeder für sich abwägen, und da werde ich den Türken nicht reinreden.

Auch nicht den 65%, bei denen die Integration ja – geht es nach den Linksgrünen – ach so gescheitert sei. Die, die das beklagen, sind nahezu deckungsgleich mit denen, die ebendiesen 65% zwei Pässe zugestanden haben. Und da kann – und muss ich, ich habe ja nun ein kleines bisschen Ahnung von Sozialwissenschaft und hier v.a. von Colemans Badewanne – nur individuell denken, und wenn ich in Land T für knalleharten Polizeistaat und in Land D für neokommunistisches Nichtstun stimmen könnte, und da jeweils damit durchkommen würde, würde ich das auch machen. Es kann natürlich nur eines funktionieren, aber das bessere könnte ich mir ja dann völlig frei im Nachhinein aussuchen.

Ich würde da jetzt eher auf Erdogan als auf Merkel wetten, aber ich bin da auch gebiast gegenüber türkischen Präsidenten, Herr Gül hat sehr nett Merhaba gesagt, als ich mit einem rosa Handtuch um die Hüften von der Dusche zu meinem Boot lief, währen ihm und seinem Tross von [türkisches Analogon zum Secret Service – ] Agenten die Marina in Çeşme gezeigt wurde.

Auf der anderen Seite sind ja selbst von der linken Presse gehasste Präsidenten mitunter charakterfreie Arschlöcher, die lieber ihre eigenen Vorlieben verraten, als sich wirklich mit der EU anzulegen, wenn es denn darauf ankommt – ich spreche hier vom Rauchverbot des (kettenrauchenden) tschechischen Präsidenten Zeman. Aber man sollte politische Entscheidungen grundsätzlich nicht den produktiven Leuten in den jeweiligen Ländern anlasten, die können nämlich immer am wenigsten dafür – und im Gegensatz zum Gros der Wähler noch was sinnvolles.

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