Interdependenz, oder: wie man einen Bleistift baut

Ein Kommentator bei Christian merkte im Zusammenhang mit dem Krieg der russischen Spezialoperation in der Ukraine an, dass der böse Globalismus zu “pathologischer Interdependenz” führen würde, und wir (also, die Menschheit) die globale Vernetzung respektive Abhängigkeiten daher reduzieren sollten.

Das ist aber halt Schwachsinn aus dem Montessori-Kindergarten; es gibt – sprichwörtlich – keinen Menschen auf diesem Planeten, der alleine auch nur einen Bleistift herstellen kann.

Moooooment, denkt sich da der Shitlord in mir: Das geht sehr wohl. Und zwar so:

Für einen Bleistift braucht man Holz für den Korpus und eine Mine aus Graphit. Und Klebstoff. Schritt 1 ist also einfach, wir gehen in den Wald und nehmen ein Stück Totholz vom Boden. Für Schritt 2 brauchen wir jetzt allerdigs ein Messer. Dazu machen wir eine hübsche Bergwanderug und sammeln Eisenerz; für unsere Belange liegt da genug einfach rum. Blöderweise habt ihr keine Tasche; also lauft ihr halt ein paar Mal öfter. Das bringt man dann in die Nähe eines Flusses, da sucht man Lehm. Aus dem Lehm bauen wir dann einen Rennofen, dazu braucht ihr noch Stroh. Das liegt in schlechten Porno-Videos rum; davon gibt es also mehr als genug. Dann geht es wieder ab in den Wald, Totholz sammeln, und jetzt müssen wir nur noch Feuer machen.

Wie Feuer geht, wissen wir alle: Man reibt Holz auf Holz mit trockenem Laub und Holzfasern; etwa 20 Minuten, nachdem Eure Hände bluten, brennt das dann auch. Das geht sehr viel besser mit einem Bogen, aber für irgendwas, was an eine Schnur erinnert, brauchen wir erstmal ein Messer; und soweit sind wir ja noch nicht.

Derweil könnt ihr gleich einen zweiten Lehmofen bauen, diesmal mit zwei Holzpömpeln als Blasebalg für die Luftzufuhr. Weil das Eisen aus Ofen #1 ist eher Matsche; echter Stahl ist unrealistisch, aber so als Kompromiss wird das schon. Ihr habt ja hoffentlich mittlerweile einen keilförmigen Stein gefunden, um einen runtergefallenen, geraden Ast gerade genug zu bekommen. Oder Bambus. Den Stein braucht Ihr aber trotzdem – und Sand, für die Form. Da lässt man dann das doppelt gekochte Eisen reinlaufen; so zwei oder drei Stunden manuelles Pumpen reicht aus. Eure Hände bluten ja eh schon – Eure Füße übrigens auch, weil von Schuhen sind wir noch 5.000 Jahre Zivilisation entfernt.

Dann noch zwei oder drei Tage den Rohling an einem Stein schärfen, und ihr habt einen Eisen-Keil, der mehr an eine Axt als an ein Messer erinnert, aber hey – es sollte schneiden.

Wenn Euch der Brechdurchfall, den Ihr gerade habt, weil das Zeug, was Ihr im Wald gegessen habt, giftig war, derweil nicht umbringt, könnten wir jetzt anfangen, das Totholz zu einem Bleistift zu schnitzen, aber wir brauchen ja noch Graphit für die Mine und Klebstoff. Da wir für den Klebstoff ein Pferd umbringen müssen, wäre es sinnvoll, aus dem Eisenkeil erstmal eine halbwegs ordentliche Axt zu machen, dafür brauchen wir aber – wie oben schon angedeutet – eine Schnur. Dazu sucht man sich eine Katze, und die bringt man dann um. Mit dem Eisenkeil aufschneiden, den Darm entnehmen, und damit den Eisenkeil an ein Stück Holz aus dem Wald binden.

Dazu wäre es natürlich praktisch, wenn man wüsste, wie man da einen haltbaren Zurrknoten macht. Der geneigte Leser mag sich jetzt zudem denken “warum machen wir denn nicht einfach eine Schnur?”, aber dazu bräuchten wir eine Spindel, und das ist in etwa so realistisch wie eine Mondrakete. Wir wollen ja nur einen Bleistift bauen.

An der Stelle suchen wir uns jetzt ein Pferd; dem rammen wir die Axt in den Hals. Freilich, man könnte das Pferd auch mit einem Stein totzuprügeln versuchen, aber das ist, passend zum Tenor des Artikels, schwieriger, als man denkt. Vor allem mögen das Pferde nicht sonderlich, und die sind relativ groß.

Der Vorteil ist, dass Ihr jetzt was mit Proteinen zu essen habt; der Nachteil ist, dass das jetzt eine Weile dauern wird. Ihr wisst ja schon, wo Lehm ist, mit dem machen wir ein Loch im Boden wasserdicht, und blöderweise brauchen wir jetzt noch Kalk. Also suchen wir Kalk; das liegt am Rand jedes ausreichend großen Flusses. Den muss man brennen; dazu wirft man die Kalksteine, die übrigens aussehen wie alle anderen Steine auch, einfach in ein Lagerfeuer. Auf diesem Lagerfeuer nicht gleichzeitig das Pferd grillen; das ist super-giftig. Den gebrannten Kalk (vorsicht, der ist ätzend) tun wir jetzt mit den knorpeligen Knochenteilen des Pferdes in das Erdloch, und Wasser dazu.

Vorsorglich geben wir die Haut des Pferdes in eine weitere Erdgrube, da urinieren wir ab sofort rein. Das Fell ab und zu wenden, und bei Gelegenheit die Haare entfernen. Ihr habt ja ein Eisenbeil – praktisch, nicht wahr?

Dummerweise dauert das jetzt fünf Monate, aber danach brauchen wir einen Topf, um das zu kochen. Wir können ja jetzt schon Eisen machen, wenn man das flach auslaufen lässt und ein paar Wochen mit einem Stein draufklopft, kommt da schon sowas wie ein Topf raus. Da wir aber schon Kalk haben, und Ihr wisst, wo Lehm ist, können wir derweil noch ein Haus bauen.

Mit dem Eisenbeil macht man aus Holzteilen aus dem Wald rechteckige Förmchen, mischt in einem Erdloch Lehm und Kalk, und macht daraus Ziegel. Paar Tage in der Sonne trocknen lassen; dann einen größeren Ofen bauen und ein paar Stunden brennen. Noch feucht taugt das auch als Mörtel. Man kann auch aus Sand ein Loch machen und die Pampe da rein tun, das ergibt mit etwas Übung eine Kochschale.

Derweil könnt Ihr ja schonmal die beiden Hälften des Bleistifts aus dem Totholz schnitzen. Und vor allem Blei oder Graphit suchen; das liegt in den Bergen auch einfach rum. In den Bergen gibt es zudem Höhlen, da leben in der Regel Fledermäuse. Deren Kot (Guano) schmiert ihr dann auf Euere blutenden Hände und Füße; das ist ein erstaunlich gutes, natürliches Antibiotikum, weil sonst sterbt ihr derweil. In so einer groben Woche habt Ihr mit Euerer Axt dann sicher auch eine Mine geschnitzt; von daher müssen wir unseren Bleistift jetzt nur noch verkleben.

Dazu entnehmen wir das Kalk-Pferdeknochen-Wasser mit unserer neuen Schale aus der Grube, und kochen es einen Tag lang. Es bleibt eine widerliche, klebrige Masse übrig; man nennt das Gelatine; kennt Ihr aus Gummibärchen. Die beiden Bleistifthälften und die Blei-oder Graphitmine zusammensetzen, Pampe draufschmieren, Stein drauflegen, einen Tag trocknen lassen, et voila!

Ihr könnt den Bleistift mit dem Eisenbeil jetzt anspitzen, das nützt Euch aber nichts, weil Ihr kein Papier habt. Deswegen habt Ihr aber ja ein halbes Jahr auf das Fell des toten Pferdes gepinkelt; das ist zwar kein ordentlicher Gerbstoff, aber das Ergebnis ist trotzdem sowas wie Leder. Da könnt ihr jetzt draufschreiben “you will own nothing, and you will be happy”.

In der nächsten Folge bauen wir dann eine Raumstation. Ich dachte zunächst an einen Kugelschreiber, aber es gibt nur drei Länder auf diesem Planeten, die Kugelschreiber bauen können (D, CH, seit 2017 China) – das ist wohl schwieriger, als man denkt. So kompliziert müssen wir es ja nicht machen.

4 Replies to “Interdependenz, oder: wie man einen Bleistift baut”

  1. Das liest sich wirklich romantisch. Aber woher stammt die Prämisse, einen Bleistift besitzen und daher herstellen zu wollen? Wenn der dann nach Jahren fertig ist und man vor seinem Hund damit prahlen will, behandelt der ihn wie ein Stöckchen. Da hätte man doch einfach gleich ein Stöckchen vom Boden aufheben und werfen können.

    Und wenn einem langweilig ist, könnte man auch ein Kastanienmännchen basteln. Warum Bleistifte oder Raumstationen?

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    1. Für ein Kastanienmännchen brauchst Du aber halt Streichhölzer, sonst hat es keine “Hände”. Ich würde nicht empfehlen, ohne Shitlords Lektion “Wie baue ich ein international führendes Chemieunternehmen” Kaliumchlorat herzustellen versuchen. Du willst wirklich eine Gasmaske, Nitrilhandschuhe, und Du brauchst recht zwingend auch noch Glas. Ich würde es erstmal mit der Raumstation versuchen.

      Aber: 😉

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