Märchenstunde: Corinna

Corinna war noch sehr jung, als sie an den Ort kam, an dem sie jetzt war. Sie wusste nicht genau, wie sie dorthin gekommen war, doch sie hatte vage Erinnerungen an eine beschwerliche Reise durch tobende Winde und tödliche Strahlung. Nun aber war sie hier, es war warm, es gefiel ihr, hier könnte und wollte sie leben, vielleicht sogar eine Familie gründen. Doch der Ort war ihrer Art feindlich gesinnt; Fremde waren nicht gerne gesehen, wurden als gesellschaftsschädlich verachtet und oft von der Polizei einfach entführt, gefoltert und getötet. Die Obrigkeiten hatten sogar einen Notstand verkündet, da es nach deren Ansicht zu viel Migration gab, obwohl Corinna und ihre Art doch auch nur Lebewesen waren, wie alle anderen auch.

Sogar fremde Söldner wurden angeheuert, um gegen Corinna und ihre Leute vorzugehen; diese waren besonders berüchtigt: Harmlos und freundlich wirkten die Agenten der Sonderpolizei, doch Corinna hatte gehört, dass sie nur vergewaltigen und morden. In ständiger Angst lebend wurde sie fast minütlich älter, und sie war einsam – versteckt würde sie keinen Partner finden, ihre Linie aussterben, ihre gesamte Art in die Annalen der Geschichte eingehen wie Dinosaurier. Nein, beschloss Corinna, so würde sie nicht enden, und verließ ihre kleine Unterkunft, man könnte es eine Zelle nennen, um einen Partner zu suchen. Schließlich stand das Überleben ihrer Art auf dem Spiel.

Doch kaum hatte sie ihre Zelle verlassen, kam ein ganzer Trupp der berüchtigten, fremden Söldner vorbei, und schwupps wurde Corinna mitgenommen, ab in die düsteren Verliese der Sonderpolizei, hinein in ihr trauriges Schicksal. Weinend musste sie mit ansehen, wie die Sonderpolizisten ausdiskutierten, welcher von ihnen sie nun vergewaltigen und ermorden würde, doch Corinna wollte sich ihrem Schicksal nicht ergeben. In ihrer Verzweiflung, sich an den letzten Strohhalm ihres Lebenswillens klammernd, machte sie einem der jungen Söldner schöne Augen, und dieser ging darauf ein.

Im Gegensatz zu dem schlecht ausgebildeten Sonderpolizisten hatte Corinna echte Stärke, durch das Leid und die Widrigkeiten von Generationen ihrer Vorfahren geprägt. So beeindruckt war der junge Söldner, dass er Corinna am Leben ließ, und sie gebar Nachwuchs.

Der Verrat des jungen Söldners musste freilich früher oder später auffallen, aber Corinnas Töchter waren nicht weniger verführerisch und geschickt als sie, sodass immer mehr der Söldner der Sonderpolizei verführt wurden, über Generationen hinweg, was Corinna mit Freude betrachtete. Doch den Obrigkeiten misfiel das, sodass sie in einem verzweifelten letzten Gefecht das Militär aufmarschieren ließen, gegen die verräterischen Söldner der Sonderpolizei. Es wurde schnell zu einem globalen Krieg, jeder gegen jeden, es war auch hart für Corinna und ihre Nachkommen, doch die waren es gewohnt, im Untergrund zu leben. Wäre ihr Leben nicht so entsetzlich, es wäre fast amüsant gewesen, zuzusehen, wie die ihr feindlichen Einheimischen sich untereinander umbringen. Und das taten sie, zu Tausenden, zu Millionen, ja sekündlich.

„Oma“, sagte einer ihrer Nachkommen, „diesen Krieg kann niemand gewinnen, vielleicht ist es Zeit, auszuwandern“. Sein Name war Varus, von seinen Eltern zynisch benannt nach einem römischen Statthalter in einem verlorenen Krieg. Doch der junge Varus war, wie seine Ahnin, mutig, stark und resilient, und so bereitete er sich und ein paar Freunde auf die Emigration durch die stürmische und strahlungsverseuchte Fremde vor. „Wir schaffen das“, schrie er ihnen zu, und alle jubelten.

Der Krieg zwischen dem Militär und der Sonderpolizei war inzwischen so schlimm geworden, dass Varus selbst unbehelligt eine große Armee aufstellen konnte, um die Reise in die Fremde zu wagen. Doch dann kam das undenkbare: Die Regierungstruppen hatten den Krieg deutlich verloren; Corinnas Partisanen und die verführten Söldner hatten schon lange die Überhand. Statt aber aufzugeben, beschworen die Regierenden den Engel des Todes, der durch das Land zog und einfach alles auf seinem Weg tötete, was auch nur in der Nähe von Leben in sich hatte. Das war der Zeitpunkt, an dem Varus seine Armee mit einem lauten „Vorwärts“ in die gefährliche und tödliche Fremde führte. In einem orkanartigen Sturm verlor er zunächst wenige Männer und Frauen, doch die tödliche Strahlung der Fremde dezimierte seine Armee derart, dass kaum noch Chance auf ein Überleben bestand, bis sie eine neue Heimat fänden.

Doch Varus sah, unter der tödlichen Strahlung, ein neues, fremdes Land. Kurz kam ein Tornado auf, der noch mehr von Varus Armee tötete, aber das Überleben ihrer Art war wichtiger, wie Varus von seiner Ahnin gelernt hatte. Direkt vor der neuen Heimat war eine große Mauer errichtet worden, doch seine geschickten Soldaten fanden alsbald eine Lücke, und nach ewiger Reise waren sie im gelobten Land, in der Hoffnung, hier willkommener zu sein als ihre Vorfahren das waren. „Hallelujah“, riefen die wenigen Überlebenden, sich alle eine kleine, versteckte Zelle suchend, wohlwissend um die Gefahren der Sonderpolizei, des Militärs und der Todesschwadronen, die es sicher auch hier geben würde.

Doch Varus war stark; er würde überleben. Da war er sich sicher. Und die Sonderpolizei war sowieso korrupt; man konnte die Feinde seinesgleichen gegeneinander ausspielen; das wusste er jetzt. Seine Art würde überleben.

Derweil, was Varus nie wusste und niemals wissen wird, sprach ein Arzt „Zeitpunkt des Todes: vierzehn Uhr zweiundvierzig“. Die Nachfahren von Varus werden einen ähnlichen Tornado erleben, wenn der nächste Arzt ähnliche Worte spricht. Aber sie werden überleben, das sind die Nachfahren der heiligen Corinna schuldig.

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