Trillionen Tote, täglich

Ich hatte ja gestern geschrieben, dass Menschen nicht wirklich mit großen Zahlen umgehen können – und ich hatte auch geschrieben, dass Menschen recht gut darin sind, andere Spezies auszulöschen.

Ich habe dabei natürlich, menschlich, wie ich bin, mein eigenes Menschsein vergessen – Es mag ja sein, dass wir Menschen gerne rumtönen, was wir denn alles auslöschen, vom Eisbären über die Schwarzschwanzfledermaus, in deren Nistgebiet wir Uran abbauen oder den Gemeinen Dummtölpel, über dessen Teich wir einen Flughafen bauen – ohne den jemals eröffnen zu können, aber der Teich und der Tölpel, die sind weg.

Legionen professioneller Jammerer sind damit beschäftigt, süße Robbenbabys oder Wale zu retten, Zugvögel von ausgelaufenem Erdöl zu befreien oder – wenn’s denn mal um Menschen geht – diesen oder jenen “Genozid” zu beklagen, seien es nun die allseits bekannten Juden, die sogar ein  spezielles Wort dafür erfunden haben, oder die Armenier, oder die Kurden, oder die Herero, oder die Griechen, die Tschetschenen, die Polen, nochmal die Griechen, ganz oft wieder Juden… diese ganzen Genozide haben ein ganz zentrales, gemeinsames Merkmal: Es hat nicht geklappt.

Zu üblichen Zeiten werden wir also von pseudo-moralisierenden Busybodys darüber belehrt, dass wir Menschen am Aussterben des Blauen Glasaugenbarsches (den habe ich mir nicht ausgedacht) schuld sind, aber mal ehrlich: Wenn wir Menschen tatsächlich irgendwas auszulöschen geschafft haben, dann war das recht sicher ein Versehen.

Freilich, es hat in der Menschheitsgeschichte tatsächlich einmal geklappt, absichtlich was auszulöschen – ceterum censeo Carthaginem esse delendam, wissenschon. Das ist aber nun eine Weile her, und es hat gut 400 Jahre gedauert.

Und dann wäre da noch das mit dem “was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß” – und der menschlichen Tendenz, bestimmte Dinge gar nicht wissen zu wollen, wie zum Beispiel, dass an und in einem menschlichen Körper ein halbes bis ganzes Kilo Mikroorganismen lebt. Nun sind die relativ klein – das halbe Kilo sind dann so rund 40 Billionen (4×10^13), da kommt es auf die paar Hundert Millionen (10^8), die man bei einem einzigen großen Geschäft verliert, auch nicht wirklich an – das sind Null Komma Null Prozent, gerundet. Es sind noch 40 Billionen übrig.

Diese kleinen Viecher (ja, die “leben” in dem Sinn, wie das Affen auch tun) sind echt, echt viele. Wie viele? Weiß keiner. Man kann relativ gut sagen, wieviele Sandkörner es am Meer gibt, aber niemand weiß, wieviele auch nur Arten von Mikroorganismen es auf dem Planeten gibt – Schätzungen liegen so bei ein paar Billionen (10^12) – zum Vergleich: Das von den Gebrüdern Grimm begonnene Deutsche Wörterbuch (Wilhelm schaffte zu seinen Lebzeiten den Buchstaben “D”) brauchte zur Fertigstellung 123 Jahre und umfasste 320.000 Einträge in 32 Bänden. Das ist aber nun nur 10^6 statt 10^12 – d.h., das wäre gerade mal Verzeichnis, wieviele 32-bändige Enzyklika es über Mikroorganismen geben müsste: Mikroorganismen, Buchstabe A, Teil 1/12.000; Band 1/32 … etc.

Wenig verwunderlich machen diese Mikroorganismen etwa 70% der Biomasse auf dem Planeten aus – schätzen Wissenschaftler; wissen tut das niemand; sind schlicht zu viele. Insekten, zum Beispiel, sind verhältnismäßig gut erforscht, wir kennen bereits 1,7 von geschätzt 30 Millionen Arten – das ist aber nur 10^7, und die kann man sehen. Mikroorganismen kann man (per Definition) nur mit einem Mikroskop sehen.

Dem ur-menschlichen Größenwahn verfallend könnte man ja nun meinen, man könnte wenigstens einen solchen Mikroorganismus auslöschen – fairerweise, so eine einzige Tablette Amoxicillin tötet Milliarden Bakterien. Das ist aber wieder nur 10^9 – wären das Ameisen, von denen es grob 10 Billiarden (10^15) gibt, und wir töten eine Milliarde, gibt es danach immer noch 10 Billiarden.

Das schönste Beispiel für große Zahlen ist ein Aufmarsch aller Chinesen in einer Reihe, die am Kaiser vorbeimarschieren. Wie lange das dauert? Wörtlich ewig, wenn sich die beim Marschieren geborenen Kinder hinten anstellen. Das ist das schöne an Mathematik: Man kann’s ausrechnen. Ist nur schwer zu begreifen.

Neben dem Ausrechnen kann man übrigens auch beobachten – von den 30 Millionen Insektenarten sterben jeden Tag so um die 100 aus, schätzt man. Kommen aber auch ein paar neue dazu, und mit 100 am Tag von 30 Millionen wegzukommen dauert sowieso eine Weile –  800 Jahre, grob.

Nach dieser einfachen Erklärung darüber, dass das einfach unvorstellbar große Zahlen sind, kommen wir zurück zu den Mikroorganismen, die nochmal um den Faktor eine Million unvorstellbarer ist.

Und dann können wir zu Viren kommen – die sind nämlich noch kleiner, aber nur so um den Faktor 100:

Das ist nun eine logarithmische Skala – das ist immer schwer zu verstehen, ein paar cm nach rechts wäre dann “Mensch”; da kommt dann aber recht schnell Flugzeug, Erde, Sonne, Milchstraße, Universum.

Klein heißt – deswegen habe ich diese Grafik genommen – nicht unbedingt schlechter; eine menschliche Eizelle ist Faktor 10 kleiner als ein Froschei, aber aus ersterer wird ein recht großer Mensch, aus letzterer nur ein Frosch. Sperma ist dann übrigens grob Faktor 10 kleiner, dafür sind das halt wieder viele.

Es ist Dir nicht egal, ob Du einen oder 10 Euro für ein Brötchen ausgeben musst. Es kann Dir aber vollkommen egal sein, ob Du eine oder zehn Milliarden auf dem Bankkonto hast. Die kleinen Dinger sind so wie Milliarden – bis auf, natürlich, dass es nicht nur Milliarden sind.

Was machen nun die ganzen, unvorstellbar vielen kleinen Viren so, den lieben langen Tag lang? Na das, was man in der Natur halt so macht: Andere umbringen.

Der interessante Punkt hier ist: Wieviel wird das denn wohl sein? Nun, Wissenschaftler schätzen, dass Viren täglich grob 20% aller Mikroorganismen töten.

Und das tun die nicht nett; Viren funktionieren in etwa wie Aliens; die springen Dir ins Gesicht, und dann platzen neue Viren aus Deinem Bauch – aber nicht eines, sondern Hunderttausende. Ist nur kleiner, aber ganz sicher nicht weniger eklig.

Stört uns da? Nein, das stört uns nicht, Ihr wusstet das bis gerade eben auch nicht, und ich hab da auch nur einen Tag Vorsprung.

Die 20% aller Mikroorganismen sind übrigens grob 14% von allem, was auf unserem Planeten irgendwie “lebt”, von der Topfpflanze bis zur Feministin. Das sind insgesamt grob 500 Gigatonnen (10^9) – 14% davon sind also grob 80 Billionen (10^12) Kilo, geteilt durch “Mensch” sind das eine Billion Menschen-Massen, die Viren jeden einzelnen Tag umbringen.

Kümmert, recht offensichtlich, keine Sau. Aber wenn mal 50 Leute sterben, machen wir totale Panik, und dann öffnen wir auch die Zoos wieder, weil die Zooleiter fiese Shitlords sind und den Politikern gesagt haben, ohne die Einnahmen können wir die Tiere nicht füttern, und dann “Notschlachten” wir die niedlichsten Tiere zuerst.

Menschen, halt.

Evolutionär, denke ich, haben es die Viren besser. Die denken auch nicht so viel nach; im Endeffekt erleiden sie aber das gleiche Schicksal wie Menschen: wir werden von irgendwelchen Mikroorganismen gefressen; die Biomasse bleibt ja nun relativ konstant.

Also, für den Fall, dass Ihr an dem Coronavirus sterbt, könnt Ihr das mit dem schönen Gedanken tun, dass das Virus genau wie Eure Leiche von Euren eigenen Darmbakterien konsumiert werden wird. Falls nicht irgendwelche Insekten oder Eure Katze schneller sind, natürlich.

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