Statussymbole in Corona-Zeiten

Wir leben ja harten Zeiten, in denen sich plötzlich jemand dafür interessiert, dass von gestern auf heute (13.04.) 156 Menschen gestorben sind – also, an Corona. Für die übrigen 2.600 Toten seit gestern interessiert sich weiterhin keine Sau (außer vielleicht Angehörigen; mein herzliches Beileid).

Regierungen rund um die Welt simulieren Kommunismus light – Ausgangssperren, Wirtschaft tot, Reiseverbote, staatliche Überwachung – da muss man sich schon auf die wichtigen Dinge im Leben konzentrieren: Statussymbole.

Was? Wärt ihr jetzt nicht drauf gekommen? Naja, jetzt.de schon, und Luisman fand heute morgen ja schon, dass man mal ein bisschen lachen sollte, also lachen wir mal über weltfremde Vollidioten.

Wie Bücherregale plötzlich zu Statussymbolen werden

Ähm… ja, kann man haben. Man kann seine Paschen-Bibliothek aber auch einfach wegwerfen und sich einen Kindle auf eine Säule aus Azul do Macaubas – Marmor aus Brasilien stellen. Man kann das aber auch lassen, weil v.a. meine Frau das affig fand, und eine Pflanze auf die Säule stellen. Macht auch das Wohnzimmer größer. Man hat dann nur noch das Regal mit den Lustigen Taschenbüchern, Band 1-165 komplett.

Im Videochat mit sieben Kolleg*innen bekomme ich sieben Bücherregale zu sehen. Manche sind prächtiger als ich den Besitzer*innen zugetraut hätte, eines bedeckt sogar eine ganze lange Wand.

Wie mondän. So beeindruckend. Nun, ich habe keine Kolleginnen, geschweige denn sieben, und ich videochatte nur mit Freunden & Familie. Meine Frau macht das – mit dem Garten im Hintergrund, weil da halt ihr Schreibtisch steht.

Mich hat schon auch ein Kunde gefragt, ob wir videochatten wollen, aber dann müsste ich mir was anderes anziehen als meinen üblichen Pyjama. Zudem hat meine gute Kamera meine Frau beschlagnahmt, ich hab also keine.

Der Kollege, so denke ich ehrfurchtsvoll, hat all das bestimmt auch wirklich gelesen.

Jaja, denkst Du, Mädel. Merke: Bücherregale, die man gelesen hat, sind niemals hübsch. Hübsche Bücherregale mit den in weißem Leinen gebundenen Werken der Weltliteratur oder gar einer Enzyklopädie sind dekorativ. Es ist aber das aktuelle Jahr, wir haben ein Handy und einen Kindle.

Mich wurmt, was meine Kolleg*innen in meinem eigenen Hintergrund jetzt sehen. Denn das Regal hinter mir sieht man nur im Ausschnitt – und darin steht gerade tatsächlich kein einziges gutes Buch.

In dem Regal, was die Kollegen Mitarbeiter meiner Frau ausschnittsweise sehen, liegt der Champagner. Das ist der Rest der Paschen-Bibliothek, der ist ja sinnvoll nutzbar.

Kein Lyrikband aus dem 20. Jahrhundert, kein philosophisches Machwerk oder politisches Manifest.

Ich fänd’s ja nun etwas seltsam, mir das einzige politische Manifest, was ich in gedruckter Form besitze, ins Regal zu stellen. Vielleicht noch aufgeschlagen, sodass man die persönliche Widmung für meinen Opa, den Obersturmbannführer sehen kann? Das wäre total modern, nicht?

Nur Notizbücher und Malblöcke im einen Fach, nur die Rücken einiger Bilderrahmen im anderen Fach. Ich ärgere mich, dass all die Bücher, die ich gesammelt und gelesen habe, heute zum Großteil im Haus meiner Mutter lagern – und mir jetzt und hier in meinem Ansehen leider überhaupt nicht helfen können.

Ja – da sind wir wieder bei dem Punkt, dass man den Leuten schon auch zutrauen muss, die Bücher auch gelesen zu haben. Bei dem, was – und wie – Du schreibst, Lara, ist das eher nutzlos – es sei denn, es sind Cora-Heftromane.

Was wohl meine Kolleg*innen über mich denken?

Keine Sorge hier, allerdings: Die denken gar nichts, sonst würden sie nicht da arbeiten, wo Du das tust.

Vor einigen Wochen hat man auf der Arbeit noch schicke Kleidung getragen

… oder einen bequemen Pyjama.

oder ist mit dem hübschen Rennrad dorthin gefahren

… oder man hat sich einen 5-Meter-Drehteller in den Carport installiert, weil man einen Doppelcarport, aber nur ein Auto hat und nicht wirklich so erwachsen wurde, dass man Batman nicht toll findet. Oder aber man hat geheiratet und keinen Drehteller im Carport. That’s life.

Das waren unsere Statussymbole.

Deine Statussymbole sind hübsche Kleidung und ein Rennrad? Du kennst aber schon die Sparkassen-Werbung mit “Mein Haus, mein Auto und mein Boot”, ne? Nicht mehr?

Heute zählt all das nichts mehr.

Hübsche Kleidung und ein Rennrad für 100€, zusammen, beides vom Flohmarkt? Ja, das zählte nur früher was – so 1750. Nicht so wie ein maßgeschneiderter Schurwoll-Seidenanzug unter einem Lammfellmantel (ja, ich muss ja auch mal einkaufen gehen).

Denn während der Krise hängen wir in Jogginghose und ohne BH Zuhause rum.

Wie asozial. Ich meine, ich trage nun auch keinen BH, aber eine Jogginghose geht gar nicht. Wofür gibt’s denn Pyjamas?

Und selbst, wenn das Rennrad noch zum Einsatz kommt: Es interessiert niemanden mehr.

Ich bin mir wirklich, wirklich nicht sicher, was sich da jetzt verändert hat. Hat Lara eine Sammlung von Rennrädern, selbst aufbereitet, wie Don Alphonso? Nein? Und: Interessiert die denn wirklich mehr Menschen als Don Alphonso selbst? Nein?

Ja, schwierige Zeiten sind das, das, wo man zuhause rumhockt und über die Nutzlosigkeit seines eigenen Lebens philosophiert, weil man nichts zu tun hat. Wie beispielsweise die tschechische Grenze im Luftbild anzuschauen, weil man in ein paar Wochen frische Zigaretten braucht.

Stattdessen erwischen unsere Freund*innen und Kolleg*innen uns nur noch im Videochat und das am privatesten Ort: unserem Zuhause. Und wie das ausgestattet ist, wird nun erst richtig wichtig.

Guck – das ist der Irrtum der jetzt-Idioten mal schön auf den Punkt gebracht: Klar kannst Du ein genderqueerer Kürbis sein, mit einem Gucci-Kleid, für das du zu fett, aber stolz darauf mit Deinem neuesten iPhone Selfies machst, aber so wirklich interessiert hat das – niemanden. Nichtmal dich selbst. Ein schönes Zuhause, allerdings, das ist schon was wert. Das wäre der “mein Haus” – Teil aus der Werbung, übrigens.

Um Individualität geht es zu Zeiten der Krise kaum mehr

Du bist eine Frau, Lara. Ja, ich weiß, Frauen halten sich alle für ganz besondere Schneeflocken – wie alle anderen Frauen auch, natürlich – aber das ist wieder der Unterschied zwischen Büchern, die man gelesen hat, und dem Vorhandensein eines hübschen Bücherregals.

Denn trotz „Social Distancing“ hören das soziale Leben und damit auch das Konkurrenzdenken ja nicht einfach auf

Frau sein muss furchtbar sein. Krabbenkorb, komm, wenn da einer hochklettert, ziehen wir ihn lieber wieder runter. Wie im Kommunismus. Aber gut, vielleicht denke ich da nur anders – meine Freunde haben auch sämtlich schöne Wohnungen; die schicken da sogar Bilder:

Wer sich im Büro, im Restaurant oder auf Veranstaltungen vorher durch besonders schicke Hosen, teure Uhren und das neueste Handy wichtig machen konnte, hat jetzt weniger Spielraum.

Das is richtig blöd, ne, wenn man feststellt, dass man nicht selber wer ist oder aufgrund seiner Aussagen interessant – was halt am fehlenden Intellekt liegt. Tipp: Mal ein Buch lesen.

Schicke Hosen und teure Uhren wären im Homeoffice ja eher überflüssig, das Handy wird man kaum zum Prahlen beim Chat mit Bekannten in die Laptop-Kamera halten.

Ja aber doch weil man das vie DroidCam als Webcam benutzt?!

In fast allen Fällen muss deshalb wohl das Bücherregal ran. Der Impuls, das Bücherregal herzeigen zu wollen, ist vermutlich für jede*n logisch nachzuvollziehen

Eigentlich überhaupt nicht. Man kann auch einfach keine Videokonferenzen machen. Wozu soll das denn führen? Hier an meiner Bürowand hängt ein einsames Bild, was ich sehr liebe. Und was sagt man da dem Kunden, der sagt “oh, das ist aber ein schöner Hundertwasser-Kunstdruck, den Sie da haben”? “Das ist kein Kunstdruck”?! Schaut – lieber nicht videotelefonieren, wenn es dazu keinen Grund gibt. Und den gibt’s kaum; mich interessiert nicht, wie meine Kunden aussehen – aber ich stelle mir Lara so vor wie eine Kundin von vor ein paar Jahren, die hatte auch eine teure Uhr und “schicke” Hosen. Sah aus wie vom Kik auf dem Wühltisch, war aber von Dolce & Gabbana.

Bücher stehen für Intellekt und Bildung

Ne, Intellekt und Bildung stehen für Intellekt und Bildung. Und es hilft auch nix, Bücher nur zu lesen – man muss die schon auch verstehen.´Und das muss gar nicht Aristoteles, Platon, Macchiavelli, Schopenhauer und Popper seid – die Lustigen Taschenbücher wären schonmal ein Anfang.

Besonders dann, wenn man außergewöhnlich viele (und gute) davon hat.

Mein Papa hat so 10.000 Bücher – das ist jetzt eher normal, und das sind Fachbücher. Das ist die alte Generation, da gab’s das nur in Print, und in der Bib war’s halt ausgeliehen. Das sind drei Räume voller Bücherregale, wenn Du kein Schloss mit so ner Treppe für die Bücherregale hast. Sind das “außergewähnlich viele”? Nein?

Zudem zeigen sie: Wenn dieser Call zu Ende ist, wird der*die Besitzer*in keine Schwierigkeiten haben, Beschäftigung zu finden.

Das würde eine aufblasbare Sexpuppe im Hintergrund aber auch kommunizieren.

Trotzdem hat sich mein Wunsch nach einem pompösen Bücherregal zum Vorzeigen inzwischen schon wieder beruhigt.

Da war der Hamster aber fleißig.

Denn seit alle das machen, ist auch das als Statussymbol nicht mehr besonders individuell und/oder spannend.

Ja – weil Du das Prinzip eines Statussymbols nicht verstanden hast. Nur Status zu symbolisieren bedeutet eben nicht, dass man Status hat. Den status hast Du aber auch ohne die Symbole – einen Porsche, zum Beispiel, muss man sich erstmal leisten können. Können. Status haben. Muss schon furchtbar sein, wenn die konstruktivistische Scheinwelt auf die Realität knallt. Ich stelle mir das vor wie eine überreife Tomate bei 300 km/h auf einer Frontscheibe.

Um Individualität geht es zu Zeiten der Krise aber sowieso kaum mehr.

Lara schreit nach Aufmerksamkeit. Ist vielleicht nicht gut, dass ich ihr die gebe. Wie selbstverliebt kann man eigentlich sein?

In diesen Zeiten wäre übertriebener Schnickschnack schlicht unsympathisch.

Ja, ich würde ja auch gerne so einen grünen Vorhang vor meinen Hundertwasser hängen, für eventuelle Kunden-Videotelefonate, und da dann einen Malediven-Strand reinphotoshoppen – aber (a) kann ich das nicht und (b) bekomme ich gerade auch keinen grünen Vorhang; is Bayern, das hat zu.

Das führt dazu, dass sich inzwischen auch Dinge zu Statussymbolen entwickelt haben, von denen wir es nie geglaubt hätten:

Doktortitel? Ne, was war vielleicht vor 10 Jahren noch cool.

Klopapier

Hab ich auch gebloggt. Hat sicher meinen Status bei meinen Lesern sehr angehoben, vor allem der eloquente, hochgebildete Kommentar dazu.

Oder selbstgebastelte Mundschutze, die nebenbei die eigene kreative und moralische Überlegenheit vermitteln.

Oh ja, man kann sich da in seiner “moralischen Überlegenheit” sonnen, wenn man brav tut, was der Staat einem sagt. Und genau diese Leute wundern sich, wie es zu Genoziden kommen konnte.

Beneidet wird zudem grundsätzlich, wer einen Balkon, einen Garten oder sogar den Wald vor der Tür hat.

Der Wald ist 5 Minuten die Straße runter – oder hoch. Beneidet mich!!!

hilft einem … denkbar wenig. Genau wie eine Bahncard 100 übrigens – jetzt sehnen sich vermutlich auch einige Umweltfreund*innen nach einem Auto, zumindest auf Zeit. Ob das nun aber ein Porsche oder ein kleiner Fiat ist, ist egal.

Ne, das ist überhaupt nicht egal. Lara hat nie ein Auto besessen.

Spritztouren zum Angeben sind ja sowieso verboten

Und zwar deswegen: Spritztouren macht man nicht zum Angeben. Wer soll einen denn bei 110 auf der Landstraße groß sehen? Türkisch-Jugoslawische Proleten in der Innenstadt machen keine Spritztour. Eine Spritztour macht man über die Alpen. Weil’s schön ist. Für sich selbst.

Ey, ist schon erstaunlich, dass diese solipsistischen Jammer-Nörgler nicht für 5 Pfennig an sich selbst denken – da gewinnt man doch nix, wenn man alles in den Arsch geschoben bekommt? “Mal was für sich selbst tun” ist da wohl “ich war beim Frisör”.

Diejenigen, die wissen, wie man es sich Zuhause schön macht, sind die Gewinner*innen der Neuzeit

Denjenigen, die überhaupt irgendwas wissen, ging es schon immer besser als dem Rest. Schön, dass ihr das jetzt mal merkt. Lernt was draus.

Etwas Positives hat der Wandel dabei: Er zeigt, dass viele Statussymbole von früher keinen echten Wert hatten, dass sie konstruiert waren und in Krisenzeiten unwichtig werden. Und vielleicht lernen wir daraus ja endlich, was unsere Mütter und Großväter uns schon immer vorgebetet haben: Dass wir immer selbst bestimmen können, was wirklich wichtig ist.

m(.
Ne, wirklich: IHR KÖNNTET MAL LERNEN, DASS IHR EBEN NICHT SELBST BESTIMMEN KÖNNT, WAS WIRKLICH WICHTIG IST. War deine Oma doof, oder hast Du ihr nicht zugehört? Letzteres? Lebt die noch? Frag sie nochmal. 

Nachtrag: das zieht sich durch die ganzen Artikel bei jetzt, dass die alle mit sich selbst nix anzufangen wissen. Irgendwie traurig, aber muss man positiv sehen: Den ganzen Umweltschutz-Quark kann man sich sparen, die kommende Generation hat eh keine Aussicht auf ein lebenswertes Leben.

2 Replies to “Statussymbole in Corona-Zeiten”

  1. Ich habe festgestellt, dass Buecher ein gutes Tauschmittel sind. Meinem Nachbarn ist es stinklangweilig. So knapp 10% meiner 600 Buecher Bibliothek sind auf deutsch. Alle paar Tage kommt er und leiht sich 4-5 Buecher aus. Als Zugabe kriegt er ab und an ein Straeusschen von meiner Basilikumzucht. Dafuer bekam ich eine Flasche Fundador von ihm.

    Unverstaendlich, warum die Dorf-Sheriffs hier ein Alkohol-Verkaufsverbot erlassen haben. Australier und Amis berichten, dass sie seit Jahrzehnten keinen derart hohen Absatz bei Wein und Hochprozentigem erlebt haben – richtig gutes Geschaeft (und hohe Steuereinnahmen). Meine Absolut Citron Flasche muss ein Loch haben, so schnell wie der verdunstet. Naja, noch 3 Wochen, dann ist entweder Ende des Lockdown oder Revolution.

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