Statistikfähigkeiten von Klimaleugner-leugnern

Stefan Rahmsdorf, seines Zeichens Inquisitor auf der Suche nach Klimawandel-Ketzern, hat nach seinem unwissenschaftlichen, populistischen und v.a. grottig schlechtem “Zerlegen” eines für echte Wissenschaftler harmlosen AfD-Fragebogens (wollte ich behandeln, wurde leider etwas niveaulos, sowas kotzt mich zu sehr an) dann auch noch was dazu geschrieben, wieso “Klimaforscher” so grottig unwissenschaftlich sind.

Sein Artikel findet sich hier, und er erklärt zuerst, wieso eigentlich niemand weiß, wie man die globale Erwärmung auf 2 (oder so) Grad begrenzen soll, weil die Erwärmung als Ziel festgesetzt ist, kein absoluter Wert.

Als fieser Shitlord könnte man da sagen “naja, dann hättet ihr ja nix mehr zu jammern, ist wie bei den Feministen”, aber lassen wir das Stefan erklären:

“Klimaforscher” können globale Veränderungen besser messen als globale Temperaturen, weil…. äh… weil sie zu wenig Messtationen haben. D.h., die Messtationen in kältere Gebiete zu verlegen würde das Problem der globalen Erwärmung “lösen”. Soviel zur Logik.

Wem dies unmittelbar einleuchtet, der braucht hier nicht weiter zu lesen.

Oder er geht auf eine Fridays-for-Future-Demonstration – in der Hoffnung, dass nicht ich das “Problem” löse (so es denn eines ist).

Es folgt Füllsel-bla, tl;dr “unsere Daten sind scheiße und wir haben keine Ahnung von Handling fehlender Variablen”. Wichtige Mitnahme: Die haben fehlende Variablen. Und diese Grafik:

Hierzu schreibt Stefan “Ihre Ergebnisse stimmen dabei in hohem Maße überein”. Nun – das weiß ich nicht, dazu bräuchte ich (gar nicht so schwer zu berechnende) Güte-Werte, zum Beispiel hier den, ob die recht heftigen saisonalen (oder zwischen-jährlichen) Schwankungen die Differenzen zwischen den Messwerten erlauben. Der wichtige Punkt, aber, meiner Bemühungen ist, dass wenn 97% der “Klimawissenschaftler” solche “Wissenschaftler” sind wie Stefan, dann kann man da getrost darauf Scheißen, denn ein Wissenschaftler sagt nicht “an dieser Grafik sieht man”. Der Wissenschaftler sagt “diese Grafik illustriert die hohe Korrelation der Messerwerte (r=.xx; p=.0xx)”. Der Wissenschaftler weiß nämlich, dass man an der Grafik einen Dreck sieht.

Ich erkläre das mal ausführlicher.

Denn, so ganz grundsätzlich, ist diese Grafik nicht “genullt”, was man normalerweise nur macht, wenn man irgendwie bescheißen will (glaubt mir, ich kann das). In dem Fall ist die Null nicht “nicht unten”, das ist sehr beliebt, um nichtige Anstiege darzustellen – siehe hier:

Ich möchte hierzu deutlich anmerken, dass das beides die gleiche Grafik ist.

Bei der linken Grafik ist es “sehr deutlich”, dass ein “Anstieg” stattgefunden hat, bei der rechten – wie erwähnt, beide Grafiken zeigen einen Anstieg von 5,0 auf 5,1) – wäre diese Aussage eher lächerlich. Und das beantwortet beides die wissenschaftlich relevante Frage nicht, ob der Anstieg irgendwie signifikant ist, aber soweit müssen wir gar nicht gehen.

Rahmsdorfs (und die des IPCC) Grafik macht das etwas anders, die hat die Null nicht nicht drauf, sondern nicht in der Mitte:

[immer noch: gleiche Grafik] … und natürlich nehme ich jeweils die linke Grafik, wenn ich was “verkaufen” will. Wissenschaftler machen sowas aber nicht; das ist unseriös.

Der nächste Punkt, der dann an der Klima-Grafik stört, ist die bei 0,38° eingezeichnete Linie “1° above pre-industrial”.

  1. Warum ist nicht Null pre-industrial (Antwort: siehe oben, sähe nicht mehr beängstigend aus)
  2. Warum ist der Wert bei 0.38? Ja – keine Ahnung, die wissen ihre Werte ja auch nicht so genau, aber da stößt so schön die grüne Linie an, dass man so tun kann, als “könnten” wir das schon, wenn wir nur wieder auf die Werte von 1999 kämen, was wahrscheinlich im Pariser Kyoto-Protokoll steht (oder so).

Das ist nicht Wissenschaft. Das ist Marketing. Gutes Marketing, nicht wie Edeka.

Drittens sagt die Grafik laut Rahmsdorf ja nun aus, dass es wärmer wird.

Dazu, aber, müssten die recht unwissenschaftlich “sichtbar” gemachten Ausreißer nach oben nicht durch die Fluktuation in den Daten erlaubt sein (Also, die dürften kein Zufall sein).

Wie gut das klappt? Nun, Stefan “widerlegt” die furchtbaren Nazi-Klimaleugner der AfD mit einem Hinweis auf dieses Paper, welches eine von der AfD (und Klimaleugnern”) laut Rahmsdorf oft verwendete (und wissenschaftlich gewonnene, Klimaforscher in den 1960ern machten wohl noch Eisbohrungen und so, keine Bullshit-Grafiken auf Basis fehlender Daten) so “ergänzt”, Publikation so “ergänzt”, dass man die grausame globale Erwärmung sieht:

Basis dieser Ergänzung ist eine recht übersichtliche Grafik, die zeigt, dass es gerade nicht sackwarm ist, so im Vergleich mit vor 11.000 Jahren. Sei aber schnuppe; letzteres ist ein Faktum (5 Grad wärmer als Eiszeit ist keine “Klimakatastrophe”. 10 auch nicht, aber wir reden über 4.5). Diskutabel ist (für mich) nur das anthropogene am Klimawandel, was die mit sowas belegen wollen.

So – und an dieser Grafik sehen wir – naja, recht deutlich, dass sie zweimal existiert, und man einen linearen Trend von 0,24° pro Dekade rausgerechnet hat. Das ist aber nicht, wie man als unerfahrener (oder erfahrener; Gott sind das Pisser) Beobachter annehmen könnte, ein regressionsanalytischer Koeffizent auf Basis der Daten, das ist das Residuum auf Basis des Vergleichs ihrer Daten mit dem wahrscheinlich besten der Tausenden von Klimamodellen, die sie finden konnten.

Das Residuum hat – grob – 2 Erklärungsmöglichkeiten:

(a) die der Autoren: The residual trend rising at 0.24°C decade–1 is interpreted [meine Hervorhebung] to represent the influence of anthropogenic greenhouse gases

(b) das Modell ist Scheiße. [Ergänzung: Ein Residuum ist immer “wissen wir nicht”, eigentlich; es ist analog zum Gender Pay Gap unseriös, das als irgendwas zu interpretieren. Messt es.]

Netterweise, die können in papers ja nicht gar so unwissenschaftlich tun wie Rahmsdorf, gibt’s da Gütekriterien:

The annual NAO–Thule-temperature correlation is r = –0.46
The annual AMO–Thuletemperature correlation is r = 0.51

Man kann hier, vereinfacht, minus als negativen und plus als positiven Zusammenhang lesen.

Und, um die 0,5 zu illustrieren, nehmen wir einen Münzwurf und zwei Wahrsager; einer (NAO), der immer “Kopf”, und einer (AMO), der immer “Zahl” sagt.

Die werden beide mit den realen Ergebnissen zu ziemlich genau 0,5 (respektive -0,5) korrelieren, je nachdem, ob man seine Münzwürfe in “Zahl” oder “Nicht-Zahl” misst.

Ich habe ganz ehrlich nicht den Hauch einer Ahnung, was das mit “Wissenschaft”zu tun haben soll, zwei konfligäre Modelle in einen Topf zu werfen. Das geht nichtmal mit Theorien; Inkommensurabilität, anyone? dafuq?

Tolle Wissenschaft, das. Ganz, ganz tolle Wissenschaft.

Und um das nochmal deutlich zu machen: Man hat bei Statistik Fehlerterme. Man möchte Ergebnisse, die nur zu n% Quark / Zufall sind. Das setzt aber dann voraus, dass man deutlich weniger als n Hypothesen reinwirft, weil man sonst rein wahrscheinlich eine bekommt, die zwar das Gütekriterium erfüllt, aber rein aufgrund der schieren Menge der reingeworfenen Hypothesen trotzdem Quatsch ist.

Nochmal? Wenn ich sage “Aussage x ist mit einer Fehlerwahrscheinlichkeit von 5% richtig”, dann ist das ein wissenschaftlich übliches Ergebnis, was als “wahr” genommen wird.

5% sind 1 von 20.

Wenn ich 20 Aussagen da reinwerfe, die alle vollkommener Blödsinn sind, habe ich eine Wahrscheinlichkeit von 1-(0,05^20), dass da, trotzdem sie Blödsinn ist, eine bestätigt wird – eher zwei, übrigens.

Wenn ich aber gleich zwei Modelle (Wahrsager) zusammenwerfe, die jeweils alle möglichen Antworten geben, bekomme ich da natürlich was raus.

Der wissenschaftliche Fachbegriff dafür ist Müll.


Disclaimer: Es mag (immer noch) sein, dass es (a) einen anthropogenen Klimawandel gibt und wir (b) was dagegen tun könnten, und (c) vielleicht sogar was tun sollten. Aber solchen Leuten kaufe ich keinen Dieselpartikelfilter ab.

3 Replies to “Statistikfähigkeiten von Klimaleugner-leugnern”

  1. Zudem gibt es den begruendeten Verdacht, dass NOAA und/oder NASA die Temperaturdaten immer wieder “korrigieren” und eine Analyse ausserhalb der IPCC member verhindern, indem sie unanstaendig hohe Preise fuer ihre Datensaetze (die ueber Steuern finanziert wurden) verlangen.

    Hier wird gezeigt, dass die moderne Menschheit mit hoeheren Temperaturen bestens zurecht kam, und eher mit sehr kalten Perioden nicht:
    https://wattsupwiththat.com/2016/06/22/climate-and-human-civilization-for-the-past-4000-years/

    Ausfuehrliche Diskussion ueber Messungen und Methoden:
    https://www.sciencedirect.com/topics/earth-and-planetary-sciences/medieval-warm-period

    Like

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d bloggers like this: