Kritik der praktischen Unvernunft

Es wirkt so, als hätten insbesondere unsere hochrangigen Prolitiker (das war ein Typo, aber der ist zu gut, um ihn auszubessern) ein Problem damit, dass es außerhalb ihres Elfenbeinturms noch eine Realität gibt. Nehmen wir mal Anton Hofreiter von der allseits unbeliebten Verbotspartei, der gänzlich unironisch und mit dem Selbstreflexions- und Projektionsvermögen einer 16jährigen Feministin verkündet:

Die Mehrheit der Menschen will sich nicht von ein paar verbohrten Ideologen vorschreiben lassen, wie sie zu leben hat!

Ich meine – ernsthaft; das ist ein unwürdiges Niveau der Selbstreflexion für einen Säugling, eine vollkommene Distanzierung von jedweder Realität.

Begleitet wird diese Un-Realpolitik von einem Gesinnungsjournalismus, der sich auch noch anmaßt, uns zu erklären zu versuchen, wieso wir Gesinnungsjournalismus toll finden sollen.

Denn die Gesinnung muss man teilen, um etwas gut zu finden, und das ist dann Politik, nicht Journalismus. Wenn sich das aber vermischt, fällt die Presse als Fourth Estate im Staat aus. Freilich, ein dreibeiniger Hocker steht stabiler als einer mit vier Beinen, aber es macht halt Gesinnungspolitik schwieriger, weil der Propagandaapparat wegfällt.

Und für die (explizit sämtlich linken) Politiken der Neuzeit ist Propaganda lebensnotwendig, da deren Agenda maßgeblich aus utopischen Heilsversprechen für angeblich existente Probleme besteht, bei denen sie sich nicht zu schade sind, tote Kinder an einem Stand zu instrumentalisieren, nur weil das Wort gerade in Mode zu sein scheint. Machen das dann die angeblichen Gegner mit dem natürlich nicht existenten Bild eines geköpften Säuglings, ist das böse. Weil – ja weil Kinder in Deutschland nicht so viel Wert sind wie ausländische Kinder, natürlich.

Eben solch eine fehlende Logik und Konsequenz im Denken – und daraus resultierend auch eine fehlende Konsequenz im Handeln – ist es meiner Ansicht nach, die dazu führt, dass die deutsche Presse wie Prolitik gucken wie Kühe, wenn’s blitzt, nur weil die klassisch-freiheitlichen Briten aus der EU austreten, Donald Trump gegen eine korrupte Hexe gewinnt, Ungarn Orban wählen oder der österreichische Kurz mit der FPÖ paktiert.

Beide, Journalisten wie Politiker, vergessen hier nämlich meiner Ansicht nach zu gerne, dass es da neben den Leuten, die in Zeitungen oder auf irgendwelchen Demos auch Leute gibt, die sie wählen respektive kaufen (sollen).

Und das tun Leute eben nur, wenn sie was davon haben.

Ich erkläre das mal anhand eines gewissen Herrn mit einem hübschen Palast, der übrigens gut 350 Kilometer vom Bosporus entfernt ist. Zu dem möchte ich erwähnen, dass es für Türken überhaupt nicht in Ordnung ist, Erdogan “Ziegenficker” oder “Kameltreiber” zu nennen, weil, wie mir Türken erklärten, sowas nur unzivilisierte Araber machen.

In der Türkei war gerade Wahl, und Erdoğan hat zur Enttäuschung eigentlich aller, die ich dort kenne, die Wahl so haushoch gewonnen, dass der deutschen Presse außer Beschimpfungen nichts übrig bleibt, da “Journalisten” ja eher eine 10%-Meinung unterstützen wie, in der Türkei, die kommunistische PKK HDP (oder in Ungarn halt die 7%-Grünen), und die Gesinnung ist ja schließlich wichtiger als Tatsachen.

Schaut man auf die Tatsachen, war Erdoğans stärkster Gegner Muharrem İnce. İnce ist Kemalist, das ist prinzipiell das, was rauskommt, wenn Christian Lindner und Sarah Wagenknecht ein Kind bekommen und es von Alice Weidel großziehen lassen. Wie Lindner, Wagenknecht und Weidel zusammen bekam daher entsprechend auch Herr İnce etwa 30% der Wählerstimmen.

Erdoğan ist bei der AKP, die ist prinzipiell die bayrische CSU, nur halt mit Islam statt Christentum und dementsprechend Kopftüchern statt Kreuzen.

Warum aber wählen die Türken derart reaktionär und erzkonservativ?

Nun, das liegt daran, dass konservative Parteien ganz konservativ versuchen, die Leute bei der Stange zu halten, indem sie etwas sinnvolles mit deren Geld machen. Analog zu Bayern hat Erdoğan in den letzten 20 Jahren enormst viel in Infrastruktur investiert, Schulen und Krankenhäuser gebaut und fördert mit einer (desaströsen) Geldpolitik den Immobilienmarkt, der Leute in Eigenheime bringt. Parallel dazu war die Lage in der Türkei früher (also, vor Erdoğan ) nicht so prickelnd, wie man das aus Deutschland vielleicht denken mag; da gab es auch sackviele Arbeitslose (ihr kennt den Begriff “türkische Gastarbeiter”, gell?) und straßenzuglange Schlangen an Essensausgaben.

Und wenn Leute etwas wirklich mögen, ist das Essen, ein Platz zum Wohnen und eine Gesundheitsversorgung, und das bringt halt Wählerstimmen und anhaltende Treue. Hatte ich solarbetriebene LED-Seitenstreifen an nagelneuen Straßen erwähnt? Flughäfen mit staatlich subventionierten Inlandsflügen?

Ich sehe da wirklich enorme Parallelen zu Bayern; man nimmt ja gerne den Wohlstand, in dem man lebt, als selbstverständlich hin, bis man mal in irgendein Shithole Country kommt. Ich war zum Beispiel mal in Berlin, das war entsetzlich (und fragt jetzt bitte nicht “was”, die Antwort ist “alles”).

Der große Unterschied ist, dass Erdoğan wiedergewählt wird, trotz einer ziemlich miesen Umsetzung guter politischer Ideen, denn: mit Ausnahme der touristischen Gebiete, die mehrheitlich nicht Erdogan wählen geht es unter seinen Politiken den Menschen trotzdem im Schnitt besser.

In Bayern hingegen haben wir einen Lebensstandard, den man woanders gut suchen muss und eigentlich nicht so wirklich findet – undm dennoch wird Söder keine Mehrheit mehr bekommen, weil es den Menschen schlechter geht. Das ist natürlich sehr subjektiv, aber der typische Münchner stört sich halt durchaus sehr an wild campierenden Zigeunern, und dementsprechend findet er es nicht sonderlich geil, wenn der Staat Zelte am Hauptbahnhof aufstellt.

Man mag das aus anderen Teilen Deutschlands seltsam oder herzlos finden, aber man halt als typischer Bayern analog wenig Verständnis für Leute, die linke Hausbesetzungen tolerieren – in Bayern wurde das in den 80ern schon auch probiert. Dauerte fast 3 Tage, bis die alle im Knast waren; inklusiven den “Sympathisanten”.

Die ländlichere Bevölkerung findet es derweil nicht so prickelnd, dass in Regionalzügen islamistische Axtmörder rumlaufen, und das waren so die groben Veränderungen der letzten Jahre. Und das reichte für 12,4% AfD bei der Bundestagswahl, nebst 38,8% CSU ist das eine absolute Mehrheit für – nach Ansicht auch der Münchner Presse – absolute Nazis (da kommen noch gute 10% Freie Wähler dazu, das sind weniger nepotistische totale Nazis. Und 5% FDP).

Und aus dem Rest Deutschlands gucken die Leute verwundert nach Bayern, wieso hier alle so furchtbare Leute wählen. Daher, nochmal: Diese Politik hat Bayern sehr gut getan. Wir haben schöne Autos, ein großer Teil von uns baut sie sogar selber. Oder man fährt mit dem ICE, da werden die guten Löhne der Mitarbeiter der (Münchner) Konzernzentrale von Siemens von bezahlt. Und damit kommt man auch in andere Ecken der Welt, und dann sieht man da, dass man da nicht bleiben will, sondern wieder nach Hause.

Die Leute wählen konservativ, wenn es ihnen gut geht. Und den Türken unter Erdoğan geht es sogar besser. Die Ungarn hatten Orbán vor 20 Jahren schonmal und dann einen Mega-Wirtschaftsaufschwung, dann ging’s ihnen zu gut und sie haben Sozialisten gewählt. Haben alle gemerkt, dass das doof war, deswegen jetzt wieder Orbán.

Und letzteres gilt für Deutschland als Ganzes auch. Klar kann man sozialistische Experimente machen, wenn es einem dafür gut genug geht, aber wenn weil die der breiten Mehrheit nix bringen, werden die Kommunisten eben abgestraft.

Das ist doch gar nicht so schwer zu verstehen, oder?


In Bayern gibt es übrigens kaum Rassisten, dafür aber echt viele Misanthropen. Deswegen klappt da auch die Integration recht gut; der durchschnittliche Mitarbeiter bei Adidas oder Schäffler auf dem fränkischen Land kann den neuen schwarzen Mitarbeiter, der nur gebrochen Deutsch spricht, genauso wenig leiden wie den aus Nürnberg, wenn er selbst aus Fürth kommt – und umgekehrt. Aber wenn Du Deinen Job ordentlich machst und nicht nervst, kommste halt mal zum Grillen vorbei. Das nennt man “bayrische Gemütlichkeit”. Die erlebt man abends. Tagsüber arbeitet man hier; das kennt ihr aus den anderen Teilen Deutschlands vielleicht nicht so.

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