Svenjas Versuch, zu denken

Man könnte zu Jahresende ja einen Jahresrückblick schreiben, aber ich fand einen so netten Text von Svenja, die – ratet mal – in Berlin lebt und – was sonst – ein Buch geschrieben hat, was erstaunlicherweise tatsächlich mehr als drei Leute gekauft haben  – also, im Vergleich zu Heiko Maas oder so.

Der Artikel ist deswegen interessant, weil er so schön zeigt, wie Feministen sämtliche rationale, vernünftige Kritik an ihrer metastasierenden Bewegung ignorieren. Das fängt so an:

Feminismus? Ich halte das für eine übertriebene Scheißidee.

Sagte nichtmal Detlef Bräunig. Das sagte eine andere Feministin über einen anderen Nicht-mein-Feminismus. Wir behalten im Hinterkopf: Die, die alles “Kackscheiße” finden, sind immer Feministinnen selbst.

Das ist nichts als egoistisches Rumgeheule und ganz und gar falsch.

Feminismus ist doch nicht falsch. Feminismus ist egoistisch, solipsistisch, widerlich,  rückschrittlich, dumm, frauenfeindlich, männerfeindlich und vielleicht moralisch falsch; aus dem Standpunkt einer dummen Frau aber doch für sie genau das Richtige (wie uns Svenja noch erläutern wird).

Mittlerweile sind doch die Männer im Nachteil

Mittlerweile? Wann waren denn Männer mal gegenüber Frauen im Vorteil? Bei was? Wo?

Ich seufze und schaue das Männchen an, das mir gerade diesen Vortrag gehalten hat.

Womit wir mal “männerfeidlich” illustriert hätten. Oder sind Feminismuskritiker keine “echten” Männer? Haben wir hier gegenderte Standards, anyone? Geschlechterrollenerwartungen?

Wir befinden uns in einer Kneipe und er klinkte sich vorhin in das Gespräch ein, das ich mit einer Freundin führte.

Die Kneipe kenne ich…

… es ist nur keine Kneipe. Und das ausgedachte Männchen, was ich mir irgendwie als feministischen Pudel vorstelle – so, wie ich halt annehme, dass sich Feministinnen ihre Kritiker vorstellen; wie die iRl aussehen wissen wir ja… gibt es auch nicht.

Es ging um Brüste und das fand er wohl irgendwie interessant.

Oder vielleicht doch?

Er fragte, ob wir auch welche von diesen Feminazis seien

Nein, das hat er nicht gefragt. Jeder Feminismuskritiker hat Ahnung von Feminismus und weiß, dass Feministinnen nahezu ausschließlich totale Schlampen sind. Feminismuskritiker, die sich für Brüste interessieren – hey, da kann ich mich total gut einfühlen – würden daher fragen, ob man die mal anfassen darf. Affirmative Consent, wissenschon.

sprang daraufhin auf, installierte seinen Körper auf der wackligen Bank und startete sein Referat

Wieso habe ich den Eindruck, dass die Frau Monty Phython und ihre Portraitierung von Feminismus zwar kennt, aber überhaupt nicht leiden konnte?

“Also: Im Prinzip hast du’s ja erkannt”, ruft plötzlich jemand in die Stille, “wir sind alle bloß Menschen. Aber Dude: Lass das mit diesem ‘Menschinnen’. Das ist echt ein total bescheuertes Wort.”

Da muss man natürlich auch in einer fiktiven Darstellung dagegen angehen: Frauen sind nämlich nicht nur Menschen, sondern ganz besonders gleiche Menschen. Wie die Schweine in Orwell’s “Animal Farm.”

Was natürlich nicht heißt, dass das Gendern der Sprache unwichtig ist. Ich meine, ist ja logisch:

Nein, das ist nicht logisch, nur weil du behauptest, dass es logisch ist. Es ist auch nicht nur deswegen Unsinn, weil ich hier jetzt einen Doppelpunkt mache:

Was wir sagen, denken wir, was wir denken, sagen wir, was wir sagen und denken formt unsere Realität und so, die Muster und Strukturen, nach denen wir leben und handeln. Tschuldigung, haben das alle verstanden? Ich bin Psychologin und Sprachwissenschaftlerin

… denn das ist ein unzulässiges ad verecundiam (“ich bin X”), in Verbindung mit einer dümmlichen petition principii (das ist so). Derweil ist das nur realitätsfremde poststrukturalistische Scheiße, die keinerlei Rückhalt in der Realität hat. Siehe: sogar Habermas.

und ich vergesse manchmal, dass das nicht alle studiert haben

Und noch ein ad auditores. Ganz fein, die Frau muss derart Recht haben, dass sie gar keine echten Argumente mehr braucht.

Wer hätte vor Jahren gedacht, dass wir jemals das Wort ‘Googeln’ so selbstverständlich benutzen würden? Und wer könnte sich jetzt ein Leben ohne Googeln vorstellen?

Vor wie vielen Jahren? 20? Da hieß das noch “suchen”, auf Altavista. Das ist geschicktes Marketing von Google, einen verbalisierbaren Namen zu wählen. Seit es Google gibt? Hmmm…

“Niemand!”, ruft meine Freundin neben mir.

Deine Freundin ist doof und hat keine Fantasie. Oder weiß nicht, dass “to xerox” auf Englisch kopieren heißt oder hat jemals “Hast Du mal ein Tempo?” gefragt. Ne… ist doof.

Und übertrieben ist all das nicht, ich meine: Frauen werden seit jeher benachteiligt, und nach 5000 Jahren Patriarchat ist es doch schon okay, wenn man als Mann vielleicht mal kurz die Klappe hält und zuhört.

Wir greifen das schon oben nur behauptete und falsche Axiom, dass Frauen irgendwie benachteiligt würden (nicht wären; beim Denken sind sie ja nun recht offensichtlich benachteiligt) und fordern dann die Kreuzigung des Ketzers. Wie die jüdischen Gelehrten damals mit Jesus. Oder Jesus Anhänger 1.500 Jahre später mit Galilei. Oder eigentlich jede Ideologie immer gegenüber jedem, der was sinnvolles gesagt hat. Ganz fein, Feminismus. Tolle Tradition habt ihr da. Aber wisst ihr was? Wir sind jetzt aus dem finsteren Mittelalter raus, leben in der Zeit von Logik und Aufklärung. Und wisst ihr, warum? Weil wir Hexen wie euch verbrannt haben. Das ist nur geschichtlich etwas falsch dargestellt worden.

“Genau! Privilegien checken!”, ruft jemand anderes. “Das ist das Stichwort! Viele Menschen sind sich ja gar nicht darüber bewusst, dass sie ungeheuer privilegiert sind, weil sie einen Penis haben. Oder weil sie weiß sind.”

Okay… das war dann nicht der Paulanergarten. Das war eher die Antifa-Kneipe hinter dem Paulanergarten.

“Moment mal, aber wir sind doch alle keine Nazis”, ruft das Männchen auf seiner Bank, “also, ich zumindest nicht!”

Das fiktive Männchen hat, wir erinnern uns, die Autorin und ihre fiktive Freundin oben selbst noch als Feminazi bezeichnet. Männer, die nicht gänzlich dumm sind – also, zum Beispiel nicht dummen Religionen wie dem Feminismus anhängen – tendieren nicht dazu, sich alle drei Sätze zu widersprechen. Das tun eher verblendete Ideologen – wie die Autorin, die sich nichtmal eine kohärente Geschichte ausdenken kann, wenn sie die Möglichkeit hat, es Korrektur zu lesen.

“Es geht aber nicht immer nur um dich selbst, Männchen”, sagt der Kellner hinter dem Tresen, “es geht hier um die Gesamtgesellschaft. Die Struktur. Das System!”

Definitiv Antifa-Kneipe.

“Und systematisch ist auch sexistische Werbung! … Die könnten Produkte ja auch einfach mal damit bewerben, wofür sie gut sind. Aber nein! Womit bewerben wir die Autoversicherung? Brüste! Womit bewerben wir den Joghurt? Brüste! Völlig lächerlich.

Wir haben diesen Beitrag damit begonnen, uns einen halbdummen Vortrag eines fiktiven Männchens anzuhören, dessen einzige Charaktereigenschaft es ist, Brüste zu mögen. Jetzt nehmen wir mal an, Svenja würde nicht prekär in Berlin leben, sondern dürfte Autoversicherungen verkaufen. Mit einer 85% männlichen Zielgruppe und keinem Differenzierungskriterium von der Konkurrenz. Was, liebe Leser, denkt ihr, würde Svenja wohl einfallen, um Männer für Autoversicherungen zu begeistern?

Doch nicht etwa systematisch-strukturell frauenunterdrückende Brüste?

“Und wenn du jetzt aber richtig Bock hast, deine Brüste zu zeigen?”, fragt irgendwer

Ja – es geht hier jetzt nicht wirklich um Autoversicherungen oder Joghurt, richtig? Weil das Verkaufen von Autoversicherungen oder Joghurt war jetzt halt das erste in dem Artikel, was auch ein reales Problem in der realen Welt darstellt…. schade.

Genau darum geht’s! Selbstbestimmung! Du sollst mit deinem Körper genau das machen können, was du willst.

Und wenn ich jetzt mit meinen Brüsten gerne Werbung für Autoversicherungen mache? Ich meine, ich bin ja auch sehr dagegen, dass wir Frauen dazu zwingen, sich für Werbekampagnen nackt auszuziehen, aber dafür brauchen wir jetzt halt mal wirklich keinen Feminismus; das macht nichtmal der islamische Staat.

“Scheißegal, ob in Hotpants oder mit Hidschāb”, ruft jemand anderes.
“Hidschāb?”, fragt das Männchen auf seiner Bank.

Wir merken: Gebildete Autorin, Speakerin, Aktivistin, auf die alle nur neidisch sein können und die bewundernswert ist, auf der einen Seite; Dorftrottel auf der anderen. Das ist beim islamischen Staat wiederum ähnlich.

“Das ist das, was in der Presse immer als Burka auftaucht. Ist aber Humbug. Hidschāb ist ein Kopftuch und damit letztlich auch bloß ein fucking Kleidungsstück.”

Nein, Kopftuch ist nur ein fucking kackscheiß Kleidungsstück. Kopftuch verhält sich zu Hijab wie Anzug zu SS-Uniform.

“Und kein! Kleidungsstück! Dieser Welt! Ist jemals! Ein Freifahrtschein! Zum Antatschen!”, brüllen zwei Frauen im Chor.

Es muss furchtbar sein in Berliner Antifa-Kneipen.

Einige Leute erheben sich, sie rufen: “Lasst uns die Rape Culture vernichten!”

Lasst uns von Thema zu Thema springen, ohne Sinn und Verstand, damit alle denken, wir sollten dringend in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen werden!

wieso versteht eigentlich niemand, dass wir Frauen gern selbst entscheiden wollen, was mit unseren Körpern passiert? Es sind doch immerhin: unsere Körper!!”

Wieso verwenden wir zwei Ausrufezeichen? Sind drei Ausrufezeichen jetzt irgendwie (((Nazi))) oder so?

“Aber vielleicht weiß das ja irgendwer besser, ein Arzt oder ein Wissenschaftler oder”, setzt das Männchen an, fast die gesamte Kneipe schneidet ihm das Wort ab und brüllt: “NEIN!”
“Wir sind halt nicht alle einfach bloß Menschen.”

Joah… ihr seid die Schweine, die sich für was besseres halten. Das hatten wir aber schon. Und ihr seid zudem im Besitz der alleinigen Wahrheit, wie sie der Phophet صَلَّى اللّٰهُ عَلَيْهِ وَسَلَّم verkündet hat. Deswegen müssen wir alle zusammen die Ungläubigen… ah, Moment, falsche Religion.

Der Kellner schreit:

Allahu Akbar? Feminismus Akbar? Fuck, ist das gerade irritierend.

das Männchen klettert von der Bank, es ruft: “Verdammt, ja, fundamental rights, ihr habt Recht!”

Hach ja, so eine maoistische Kampf- und Kritiksitzung ist schon was feines.

Ich öffne die Augen. Das Männchen, das gerade den Vortrag gehalten hat, klettert von der Bank, kratzt sich am Bierbauch, leckt sich über die Lippen und sagt: “Auf eine von euch beiden Schnecken hätt’ ich heute Abend schon noch Bock.”

Ich denke, dass das so der erste Satz an der ganzen Geschichte ist, der nicht der Fantasie der Autorin entspringt.

Meine Freundin und ich stehen auf, zeigen ihm den Mittelfinger und verlassen die Kneipe.

Der hingegen weniger; sie hat ihn wahrscheinlich rangelassen. In dem Artikel ist ein Bild von ihr; so zahlreich dürften spontane Angebote nicht sein.

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