Brief an eine alte Jungfer

Als ich in der Schule war, hat man da noch (zumindest formell) inhaltliche Dinge gelernt und nicht nur was über die Befindlichkeiten von geisteskranken Lesben oder Männer mit Kastrationsfantasien. Eines davon ist das Konzept der Gewaltenteilung, also des Staates in Legislative, Exekutive und Judikative, als Säulen des Rechtsstaats. Das Konzept der Presse als “vierte Gewalt”, als weitere Säule dieses Rechtsstaats, wurde mir von Jeffrey Archer nähergebracht.

Nun kann man sich den demokratischen Rechtsstaat als Hocker vorstellen, der mehrere Füße hat. Ein dreibeiniger Hocker steht immer stabil, auch auf unebenem Grund. Das ist praktisch – und war das Sitzmöbel der Wahl für die einfachen Leute; Stühle mit vier Beinen waren was für Könige.

Mit dem Fall der Monarchie hielt der vierbeinige Stuhl dann Einzug in die Stuben der Arbeiter, und kurz darauf bekamen sie auch eine Tageszeitung. Das sieht gut aus, ist bequem, und da kann man schonmal ignorieren, dass es eigentlich fast immer kippelt – man baut halt als sorgfältiger Deutscher einfach sehr ebene Böden, dann geht das schon mit den vier Beinen. Zudem, das muss man dem vierbeinigen Stuhl ja auch lassen, fällt der nicht gleich um, nur weil ein Bein bricht – der dreibenige Hocker hingegen schon. So ist auch das “Fourth Estate”- Konzept mit der Presse als Korrektiv der drei Staatsgewalten sinnbildlich zu erfassen.

Freilich aber setzt das weiterhin einen sehr ebenen Boden voraus – der vierbeinige Stuhl kann, im Gegensatz zu einem gleich dreibeinig konstruierten Stuhl – schon auf vier Beinen nur unter idealen Bedingungen stabil stehen, wird der Untergrund abgenutzt oder zum Beispiel durch Antifanten rausgerissen und auf Polizisten geworfen, kippelt das schon sehr – bis zum Umfallen.

Es ist an dieser Stelle natürlich müssig, über die Sinnhaftigkeit von drei- versus vierbeinigen Stühlen zu sinnieren, da wir de facto einen vierbeinigen Stuhl haben. Und, wie sich das vierte Rad am Wagen nicht müssig wird, uns zu erzählen, bräuchte das dringend mal einen Reifenwechsel. Freilich aber gibt es – ja, im Internet- eine ganze Menge neuer Reifen unterschiedlichster Qualität. Was – natürlich – die alten Reifen stört, wollen sie doch nicht entsorgt und verbrannt werden, schon der Umwelt wegen.

Ein Vögelchen hat mir – wohl, um mich zu ärgern – diese Allegorie einer Caroline Fetscher (Triggerwarnung: enthält ein Bild von Caroline Fetscher) zugeschickt. Frau Fetscher schreibt:

Die sich von der Demokratie verabschiedet haben, sind in einer eigenen Welt voller Ressentiments.

Ich habe gestern schon geschrieben, wie sehr es mich ankotzt, dass diejenigen, die Demokratie und Rechtsstaat am meisten sabotieren und gezielt zu zerstören versuchen ebendiese Begriffe am lautesten schreien – und damit inhaltsleer machen. Heute möchte ich dazu also nur noch sagen, dass der zitierte Satz kein Deutsch ist. Es müsste “Die(jenigen), die” heißen. Nein, das ist nicht diskutabel. Und Leute, die kein ordentliches Deutsch können, wollen die vierte Gewalt im Staat sein. Freilich, das passt zu Justizministern ohne Respekt vor dem Recht, Polizisten, die ihren Job nicht machen dürfen, weil das “unschöne Bilder” geben könnte und einer Legislative, die nur noch um ihrer selbst Willen existiert, aber wenn die Beine des Hockers derart niedrig sind, können wir uns auch gleich auf den Boden setzen. Das ist dann übrigens auch schon der Punkt, den Caroline Fletscher nicht versteht:

Im Korb einer Frau mittleren Alters liegt neben den Einkäufen „Der Spiegel“. Freundlich tippt sie jemand hinter ihr an, ein junger Mann, Ende zwanzig, sportlich gekleidet, kurzes Haar. „Die Zeitschrift legen Sie besser zurück ins Regal“, rät er beiläufig. „Was da drinsteht, kriegen Sie online gratis.“ „Ja? Alles?“ Geduldig führt er aus: „Füttern Sie lieber nicht die Journalisten, die erfinden sowieso das meiste oder schreiben von anderen ab.“ „Ach“, staunt die Frau und wird hellhörig, „wo erfährt man das denn?“

Vage verweist der junge Mann auf das Internet, er will aber illustrieren, was er meint: „Zum Beispiel, ein Reporter hat Fotos von Rechten gemacht, auf dem G-20-Gipfel. Mit denen hat zufällig gerade einer geredet, der nicht dazugehört, aber unter dem Bild stand, das wären alles Neonazis.“

„So was passiert sicher mal“, sagt die Frau, „deswegen ist ja nicht alles falsch, was Medien berichten. Wenn keiner bezahlt, können sie irgendwann nicht weiterarbeiten.“

Was eine tolle Geschichte. Ich habe neulich bei der Welt einen Artikel gelesen, der mal mit der von linken Idioten propagierten Lüge aufräumt, “Gutmensch” wäre von den Nazis erfunden worden. Der Autor führt das Wort auf einen Lektor eines Buches eines Christian Oesers (was wiederum ein Pseudonym ist, aber egal) zurück. Das Buch trägt den überhaupt nicht sperrigen Titel “Ch. Oeser’s Briefe an eine Jungfrau über die Hauptgegenstände der Aesthetik: ein Weihgeschenk für Frauen und Jungfrauen, denen es mit der ästhetischen Bildung Ernst ist“. Ich erwähne das Buch deswegen, weil Frau Fetscher es wohl nicht gelesen hat, sonst wäre uns die Anekdote aus dem Paulanergarten oben erspart geblieben:

Diejenigen verstehen übrigens die Hoheit der Poesie schlecht, die da glauben, sie dürfen sich Nachlässigkeiten der Sprache erlau­ben; vielmehr erfordert sie die höchste Vollkommenheit, denn sie ist Schöpferin und Meisterin der Sprache selbst und muß als hohes Vorbild im höchsten Grade rein, richtig, deutlich und bestimmt sein. Ueberdies vermeidet die poetische Sprache Weitschweifigkeit und Breite, denn diese Fehler langweilen und hindern also- die rege Thätigkeit; hingegen bestrebt sie sich so kurz als möglich zu sein und wird eben dadurch auch bestimmter und kräftiger.

Gell, was der Mann da den Frauen und Jungfrauen mit auf den Weg gegeben hat, klingt doch ganz sinnvoll, oder? Aber gut, weiter mit Frau Fetscher; dem jungen Mann ist es nämlich herzlich egal, dass eventuell selbsternannte Journalisten für ihre Lügen (oder, im Fall von Frau Fetscher, Meinungen) nicht mehr bezahlt werden könnten:

„Dann würden die mal sehen, wie es unsereinem geht!“ Wie es ihm geht? „Na, der nette Netto-Rest, den einem der Staat übrig lässt“, sagt er, beträgt für ihn als gelerntem Einzelhandelskaufmann um die 1200 Euro, in seiner Familie gibt es Arbeitslose: „So sieht das aus.“

Tjo, an der Stelle endet dann auch schon Frau Fetschers illustre Geschichte, und sie geht ohne Umschweife dazu über, dem fiktiven jungen Mann noch sehr viel mehr anzudichten, als er – selbst in ihrer eigenen, fucking Fantasie – irgendwie zum Ausdruck gebracht hat:

was er sagte, war explosiv gefüllt mit Subtexten. Das Auffälligste an solchen Einlassungen im Alltag sind ihre Auslassungen, es fehlt der ungenierte Klartext der anonymen Online-Foren. Aber zu ahnen ist er: Die Lügenpresse betrügt uns, der Staat kassiert zu viel Steuern, die Rente wird nicht reichen, den Asylanten geht es zu gut, die Regierung ist schuld am Terror, kurz, „wir“ sind „denen“ egal.

“Die Lügenpresse betrügt uns” ist ziemlich wörtlich genau das, was der junge Mann gesagt hat. Das ist kein “Subtext”. Das steht da. 

Und wer, bitte, außer den politisch Verantwortlichen ist denn bitte sonst Schuld am Terror? Lieschen Müller? Du? Ich? Lass mich raten – natürlich ich.

Indirekt hatte der junge Mann im Supermarkt seine Anschauung der Welt offenbart, reale Nöte neben Ressentiments, Verbitterung, Zynismus. […] Die Warteschlange nutzte er als Gelegenheit, im Alltag, nebenher, seine Propaganda auszuprobieren.

Der Mann hat direkt seine Ansichten über die Presse und seine realen Nöte kundgetan. Das ist keine Propaganda, das ist eine Einzelmeinung. Propaganda ist, wenn man eine Meinung mit Massenmedien verbreitet. Wie, übrigens, du, Caroline.

Deren geübte Doppelbödigkeit hat etwas Unheimliches

Und schon sind wir bei der Extremform weiblichen Solipsismus: linkem weiblichen Solipsismus. An welcher Stelle bitte ist der Mann denn doppelbödig?

denn die so reden, haben sich vom demokratischen Konsens verabschiedet.

Boah, schon wieder. Alles, was ich sage, ist demokratischer Konsens, und alle anderen Meinungen sind antidemokratsich. Sammal.

Sie glauben dem kein Wort mehr.

“Dem” was? Dem demokratischen Konsens, einer theoretischen Fiktion? Oder der (lügenden) Lügenpresse? Lügenden, ihre Wahlversprechen nicht einhaltenden Politikern? Das nennt man Vernunft, wenn man Leuten nicht glaubt, die nachweislich viel lügen. Vernunft. 

Die Fremdenfeinde sind selber die Entfremdeten, sie sind ausgestiegen – eine Haltung, wie sie das sardonische Lächeln mancher AfD-Protagonisten verrät.

Und ihr dachtet schon, ich hätte mit dem Meme übertrieben, oder? Wer Journalisten, die lügen, für ihre Lügen kritisiert, ist automatisch Hitler.

On another note: sardonisch lächeln kann nur jemand, der tatsächlich einen eigenen Schaden hat. Das macht das bittere Lächeln der AfD, was Caroline Fetscher als fies und zynisch darstellen will, berechtigt.

Und das ist das Problem, wenn Idioten intellektuell tun. Herr Oeser hat das schöner formuliert:

zumal es ganz unleidlich klingt, wenn ein Frauen­zimmer sich solcher Kunstwörter bedient; weiblich und lieblich ist es, sich über Gegenstände des Geschmacks in natürlicher Sprache zu äußern, denn da ist man doch gewiß, daß das Gesagte nicht nachgeschwatzt, sondern selbst Empfundenes und Gedachtes sei.

2 Replies to “Brief an eine alte Jungfer”

  1. Die Presse hätte sich gerne in der Position der „Vierten Gewalt“. Das ist aber der Selbstanmaßung und Hybris dieser Gattung geschuldet. Wohin uns die derzeitige Presse noch gebracht hätte, sehen wir am Zustand der aktuellen Presse.
    Auf einer Fortbildung in Sachen „Journalistisches Schreiben“ wollte mir das die Dozentin auch nahebringen. Ich bin aber froh, dass es eben nicht so ist. Als 4. Gewalt wäre die Presse auch Teil der Staatsgewalt.
    Die Presse hat maximal APO zu sein.
    Herzallerliebst
    dat wollilein
    Ach so. Jetzt sollte ich den Artikel noch zuende lesen.

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