Communist Fiction

Ich lese ja gerne, wenn ich dafür Zeit habe. Leider schreibt ja kaum noch jemand gute Bücher, von daher ist man schon dankbar, wenn Daniel Suarez endlich mal wieder die Zeit gefunden hat, was neues zu schreiben. Das war auch – wie immer – gut; es fällt nur irgendwie bei Suarez auf, wie er sich förmlich dazu zwingen muss, in seinen Büchern auch ein paar Frauen in auch nur in der Nähe von relevanten Rollen unterzubringen. Fairerweise hatte Influx, wenn ich mich nicht falsch erinnere, eine weibliche Protagonistin; das war aber mehr unglaubwürdig, als es wirklich störte – also, man hatte nie den Eindruck, dass der Protagonist eine Frau wäre, weil sie sich nie wie eine Frau verhielt.

Frauen als Protagonisten glaubwürdig zu schreiben ist schwierig; Jeffrey Archer hat da mit Anna in False Impression einen Maßstab gesetzt, einen weiblichen Protagonisten zu schreiben, der gleichzeitig als stereotypisch weiblich zu erkennen ist und gleichzeitig die sinnvollen Sachen, die man als Protagonist halt so machen muss, nicht vollkommen widersprüchlich zu ihrem Charakter erscheinen zu lassen.

Naja, denken wir uns, wenn schon Archer nur noch Mist schreibt und Crichton (der auch glaubwürdige Frauen schreiben konnte) tot ist, muss man ja ab und zu mal den “andere Kunden kauften auch” – Empfehlungen vertrauen und was neues ausprobieren – Hugh Howey beschreibt das Problem in Beacon 23 mit “but for every book I like, there are like a billion I don’t, and there is no way to differentiate in advance”.

Nun stellt sich also kurz vor dem Abflug raus, dass Cory Doctorow ein Buch geschrieben hat. Es nennt sich Walkaway, und ist nicht sein erstes Buch. Den Namen kannte ich aus Fefes Blog und dem Free-Speech-EFF-Umfeld, also beschloss ich, dem mal eine Chance zu geben.

Und fairerweise muss man sagen, dass Doctorow gut schreibt, ein wirklich cooles, realistisch-dystopisches Zukunftsszenario schafft, und man das Buch nur zum Schlafen weglegt, wenn es einem aus der Hand fällt.

Wenn man aber vorher Suarez gelesen hat, der ein wirklich cooles, realistisch-dystopisches Zukunfsszenario schafft und man nicht schläft, bevor das Buch zuende ist, fällt Doctorow ein paar Ligen tiefer.

Was mehrere Gründe hat – ich identifiziere da mal zentral den, dass Doctorow ein überzeugter SJW sein muss. Da ich dem interessierten Leser Suarez Change Agent (und den Rest seiner Bücher) ans Herz legen würde, spoilere ich mal wie Hölle Doctorows Walkaway – auch wenn die Prämissen ähnlich sind:

Nach dem nächsten Kondratieff-Zyklus sind grundlegende Ressourcenprobleme eigentlich gelöst, aber finanzielle Interessen wie Beharrungstendenzen staatlicher politischer Macht stehen echtem menschlichen Fortschritt im Weg – und die Tatsache, dass niemand Verwendung für Milliarden weitestgehend nutzloser Menschen hat. Suarez löst letzteres Problem realistisch-düster und als Nebenplot, während Doctorow feministische Safe-Spaces als Hauptplot hat, die nur von allen angefeindet werden.

Dass die Safe-Spaces in sich inkohärent und widersprüchlich sind, stört den Leser mehr als die Charaktere, die sämtlich ganz besondere (und weibliche, mit einer Transe und einem Neger als Ausnahme) Frauen sind und natürlich ganz besondere Schneeflocken sind, die aus der Erkenntnis heraus, dass alle Menschen ganz besondere Schneeflocken und damit wieder alle gleich sind, eigentlich nur ungezügelt mit allem vögeln, was sie treffen. Doctorow schreibt, was man als seriöser Autor nicht macht, übrigens explizite Sexszenen, die – neben einer etwas pervers wirkenden pornografischen Komponente – in etwa so spannend sind wie ein feministischer Consent-Leitfaden. Der Protagonist des ersten Teils des Buches stirbt dann übrigens im zweiten, wohlgemerkt völlig ohne jeglichen Grund, und man liest dann halt in der Hoffnung weiter, dass wenigstens der Rest auch stirbt.

Man wird leider auch in diesem Punkt derbst enttäuscht – wie in jedem anderen Punkt auch.

Die Storyline der lieben, kuschelnden (und vögelnden), kooperativen, toleranten LMNOP-Menschen, die den aktuellen Microaggressions-Bullshit zu einem “huh, wie interpretiere ich Microausdrücke” – Bullshit hochstilisiert haben, leben (dank exzessiv vieler Drogen) in völliger Ignoranz gegenüber der (natürlich nur durch die bösen Systemkapitalisten als Gerüchte gestreuten) ständigen Plünderungen und Vergewaltigungen in ihrem SafeSpace-Paradies, an dem jeder teilnehmen kann, der seinen Beitrag leistet – oder auch nicht, aber um Leute, die nichts beitragen können, muss man sich ja auch kümmern. Oder sie bitten, zu gehen, das kommt ganz auf die Laune der ganz besonderen Schneeflocke an.

Ich glaube ja nun schon, dass die durchschnittliche Feministin davon feucht wird – zumindest, wenn man sie beim Lesen auf einen Symbian setzt, aber die Idee, dass man einfach friedlich weggehen kann, wenn jemand das, was man sich als Gemeinschaft geschaffen hat, um sich dann was besseres zu schaffen, ist ja grundsätzlich ganz nett, und ich sage jetzt auch nicht, dass Zigeunerleben etwas grundsätzlich negatives ist, aber das ist halt schlicht kein gesamtgesellschaftliches Modell, weil es keinen inhärenten Mechanismus besitzt, mit Arschlöchern umzugehen.

Es ist, wenn man sich traditionelle Kulturen so anschaut, ein gangbares Modell, friedlich trotz begrenzter Ressourcen zu koexistieren (wie arabische Nomaden) – aber halt nur, bis die Menschen zu viele werden. Analog sind bei (scheinbar) unbegrenzten Ressourcen kommunistische Gesellschaften möglich – siehe afrikanische Stämme – bis die Gesellschaften zu groß werden. Beides zu kombinieren scheitert zwangsweise irgendwann an beidem, wenn es keinen forcierten Arschloch-Coping-Mechanismus gibt – das wissen nicht-linke Intellektuelle übrigens spätestens seit Thomas Hobbes. Selbst linke Intellektuelle wie Marx wussten das, weil grundsätzlich jede noch so idiotische und menschenverachtende Ideologie irgendwie funktioniert, wenn man denn irgendeine Form von Gulag, Konzentrations- oder Arbeitlager schafft.

Wenn man nun aus der Perspektive darüber nachdenkt, sind die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durch vollkommen urteilsfreie Kooperation und die Möglichkeit des Ausschlusses nach wahllosen Mehrheitsprinzipien genau solche Arbeitslager, die Doctorow als überzeugter, profeministischer SJW als utopische Lösung des Gesellschaftsproblems skizziert. Von daher sind die feindseligen Reaktionen der etablierten Gesellschaft in seinem Buch auch vollkommen unrealistisch; niemand hat Probleme damit, wenn die Probleme von alleine weggehen.

Freilich spielt da auch Doctorows trotzkyistischer Hintergrund und sein kanadisch-hirntotes Umfeld mit rein, die stark von US-linker (und berechtigter) Kritik an den Amerika-als-Heilsbringer-Gedanken beeinflusst ist. “Jedem das Seine” stand nicht ohne Grund auf einem KZ-Tor – das ist nämlich die dahinterstehende Ideologie aller Sozialisten, die ja nicht grundsätzlich verkehrt ist – das ist ein Arschloch-Coping-Mechanismus. Nur dass die Linken halt keinen Staat als notwendiges Übel wollen, “nur” die Vernichtungslager, und den Staat braucht man dann halt trotzdem, um die zu betreiben…

Wenn die Allahu-Akhbar-Schreier 500km östlich von hier finden, dass Jesiden Teufelsanbeter sind und umgebracht gehören, ist das ja nun eigentlich kein amerikanisches Problem, sondern mehr ein jesidisches. Da eine Partei zu ergreifen ist genau das, was Linke so besonders verachten: Kulturimperialismus. Machen sie aber natürlich sofort. Weil – hey, auch ganz besondere Schneeflocken schmelzen in der Sonne, wie alle anderen auch. Und Gefrierschränke sind nur eine widerliche, patriarchalische, frauenunterdrückende, konservative bis regressive, umweltzerstörende Technologie. Oder so.

Das Problem ist, dass Menschen Ordnung brauchen, während aber die angemessene Form der Ordnung ebenso wie Technologie und Lebensstandards einem Schumperter’schen Wandel unterliegen, gegen den immer Beharrungskräfte bestehen werden. Viele Leute verlinken in letzter Zeit diesen Comic, den Danisch recht kurz erklärt – es gibt gewisse Urinstinkte in Menschen, die nur die wenigsten zu überwinden vermögen; vor allem den, dass man das, was man zu wissen glaubt, höher bewertet als neue Informationen.

Ich bin davon auch nicht ganz frei, siehe die wirtschaftswissenschaftlichen Referenzen in diesem Text, aber – ja, auch das Verteidigen der eigenen Ansichten gehört dazu – die Wirtschaftswissenschaften haben im Gegensatz zu anderen “neuen” Wissenschaften wie z.B. Gender Studies das Rad nicht neu erfunden und sehen meist ein, wenn sie falsch liegen. In der Makroökonomie zum Beispiel mit so ziemlich allem, aber “es geht eh immer alles vor die Hunde” ist halt nicht so die geile Theorie, wenn man langfristige Politik machen will, deswegen sind ja Schumpeter und Kondratieff eher der Giftschrank des Fachbereichs, zu dem man jungen Bachelors lieber nicht mehr den Schlüssel gibt.

Ebenso sind die Tendenzen der regressiven Linken zu betrachten – selbst der vorgeblichst progressivste, genderqueere Anarchist fand Deutschland noch besser, als er nicht für sein Aussehen von einer Gruppe Kulturbereicherer verprügelt wurde und 1000€ Sozialhilfe statt 400€ Hartz4 bekam.

Das ist eine Katharsis, die Linken wie den ständig wechselnden Protagonist*innen von Doctorow dank der Doctorow selbst von seinem Hirn verwehrten Katharsis erspart bleibt – egal, wie sehr Du Recht hast, es wird irgendwo Leute geben, die völlig anders denken als Du und genauso finden, dass sie Recht haben. Davon haben sie natürlich nicht Recht und Du schon, und die sind nur doof, das steht ja jeden Tag in der linken Presse, wie doof alle Rechten sind, aber der einzige Ausweg aus diesem Dilemma ist eine Gesellschaft, die klein genug ist, dass das “zu viele Menschen” – Problem nicht auftritt.

So, ich muss jetzt einkaufen gehen, Cem aus Konya, Gunther aus Johannesburg und Yuri aus Odessa haben sich (+1) zur Pasta Carbonara eingeladen (wir schmuggeln Bacon), und dafür haben wir nicht genug Bier.

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3 Replies to “Communist Fiction”

  1. Cory hat seinen persoenlichen Werbeblog mit ein paar Mitstreitern bei boingboing.net. Frueher hat er mal seine Buecher im ebook Format kostenlos zum download bei craphound.com angeboten. Meist bin ich nach 30 Seiten darueber eingeschlafen.

    Ein anderer Doctorow ist viel lesenswerter. E.L. Doctorow. Billy Bathhouse und Ragtime sind “Klassiker”. Am Besten finde ich sein “City of God”, das ich schon 3 mal gelesen habe und welches mir immer noch Raetsel aufgibt.

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