Die Arier-App

1929 brach mit dem schwarzen Freitag eine der größten und folgenreichsten Wirtschaftskrisen der Vergangenheit aus, weil sich unvernünftige und unverantwortliche amerikanische Spekulanten mit Geld, was ihnen nicht gehörte und vor allem keinen realen Gegenwert hatte, jahrelang Werteblasen aufgepumpt haben, bis es jemandem mal auffiel, dass hinter den ganzen angeblichen “Werten” an der Börse nichts greifbares stand.

Damals führte das dazu, dass Millionen Menschen weltweit arbeitslos wurden, in Zelten im Central Park, im Englischen Garten oder gar in der Nähe von Calais leben mussten und nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen wussten.

Damals kam in Deutschland Hitler an die Macht, weil er den Leuten versprochen hat, das alles besser wird, wenn sie nur daran glauben, dass alles besser wird uns sie sowieso ganz tolle Menschen sind, weil sie ja Arier sind (was nicht stimmte, das wären Perser), aber wir haben seitdem ja gelernt.

Die Amerikaner haben z.B. gelernt, dass gierige Spekulanten nicht alles machen dürfen sollten, was sie wollen, sondern gewisse Sicherheiten brauchen, um riskanten Mist zu betreiben, damit nicht nochmal die halbe Welt vor die Hunde geht. Was so lange gut ging, bis irgendein brillanter Banker auf die Idee kam, dass Häuser ja wirklich was wert seien und als Sicherheit dienen könnten, vor allem, wenn der Staat  – Staaten sind dem Staat immer was wert – dafür bürgt, da kann ja überhaupt nichts schiefgehen; ist doch schnuppe, was das Haus jetzt kostet oder ob der Kreditnehmer es niemals abbezahlen kann; solange es im Wert steigt, passt das schon.

Hätte sicher funktioniert, wenn Dinge unendlich im Wert steigen könnten, und wer will nicht 50€ für einen Liter Benzin oder 100€ für ein Brötchen ausgeben? Eben!

Tja, komischerweise kam dann eine völlig unvorhersehbare Immobilienkrise in den USA und nachfolgend in vielen anderen Staaten, die sich ihr Leben auf Kredit finanziert haben. Aber alle Staaten der Welt haben ja gelernt, dass in Wirtschaftskrisen Leute unzufrieden werden, nichts mehr mit ihrem Leben anzufangen wissen und am Ende noch Hitler, Trump oder gar die AfD wählen könnten, um da rauszukommen, weil sie hoffen, dass ihnen jemand hilft.

Das muss man natürlich verhindern, deswegen haben wir ja die Banken gerettet, drucken Geld wie Hitler und beteuern, dass das BIP steigt, während eigentlich nur der Umsatz von Giesecke & Devrient steigt, und gleichzeitig die Arbeitslosenzahlen klein reden. Das ist natürlich (wirklich!) besser als ein Weltkrieg, aber es löst das Problem nicht – also, dass wir ein Wirtschafts- und Wohlstandssystem haben, das maßgeblich auf Einbildung basiert und von der real existierenden Bevölkerung faktisch nicht getragen wird.

Es hat ebenso natürlich den Vorteil, dass weniger Leute Hitler wählen, weil es ihnen ja eigentlich gut geht, aber natürlich immer noch den Nachteil, dass sich viele Menschen alleine gelassen, einsam und nutzlos fühlen, also kurz, deprimiert sind. Das ist nicht neu und eher ein Wohlstandsphänomen; Depressionen sind bis ins dritte Jahrhundert zurückzuverfolgen, aber es möchte  mir jetzt bitte keiner erzählen, dass sich damals jemand um einen Holzfäller, Kürschner oder Totengräber gekümmert hätte.

Heute kümmert sich immer noch niemand um Holzfäller, Kürschner oder Totengräber, aber mittlerweile gibt es auch Frauen mit Depressionen, und um Frauen wird sich natürlich gekümmert. Während Frauen vor 2.000 Jahren noch keine Probleme hatten – also, außer, fünf oder sechs Kinder in die Welt setzen, dabei nicht zu sterben und darauf zu hoffen, dass deren Erzeuger aus dem Krieg wiederkommt und nicht der Krieger des Gegners, der die Kinder massakriert und weitere fünf oder sechs neue mit ihr macht, haben Frauen heute echte Probleme.

Zum Beispiel, dass Männer mit der U-Bahn fahren oder es auch mögen, von einer betrunkenen Frau einen geblasen zu bekommen. Da muss man entschieden dagegen vorgehen, und wenn sich da jemand darüber lustig macht, dann kann das schon auch depressiv machen oder gar PTSD verursachen. Das ist viel schlimmer als bei dem Holzfäller, der durch einen John Deere-Harvester ersetzt wurde und wegen fehlender Einnahmen von seiner Frau samt Kindern verlassen wurde. Deswegen begehen ja schließlich dreimal mehr Männer als Frauen Suizid – den Frauen muss nur geholfen werden, die Männer sind sowieso nicht zu retten.

Und Frauen helfen ist so einfach, vor allem als Überlebende – RTL hatte einen Bericht über eine Kristina Wilms, “Gründerin und CEO” einer Internetseite ohne Impressum, deren herzzerreißende Lebensgeschichte RTL Extra im Frühjahr dokumentiert hat, was RTL Extra dazu veranlasst hat, einen weiteren gehaltlosen Bericht zum Thema Kristina Wilms zu bringen.

Nun könnte man natürlich auch ernsthaft über Depressionen sprechen, aber dafür ist das hier das falsche Blog. Geht zu einem Psychiater oder schneidet euch die Pulsadern auf. Längs, sonst funktioniert das nicht. Längs ist vom Handgelenk in Richtung Ellenbeuge, und das mit dem Schneiden ist mit einem Skalpell (in jeder Apotheke erhältlich) am einfachsten.

Ich habe den Bericht auf RTL nicht ganz gesehen – mein Philips 37 PFL 3507 h macht an meinem PC irgendwie ein unscharfes Bild, falls da jemand einen Tipp hat?! – von daher nur das zentrale:

Kristina Wilms ist eine 28-jährige Absolventin der alternativen Alanus-Hochschule in Alfter, und depressiv. Ich habe irgendwie nicht das Bedürfnis, noch mehr über Frau Wilms zu schreiben, da ich denke, dass die alternative Alanus-Hochschule in Alfter schon reicht.

Frau Wilms, die mit einer Depression lebt, hat dank großzügiger Fördermittel von Leuten, die produktive Arbeit verrichten und daher Steuern (x-zig angebliche “Verbände”) und Krankenversicherungsbeiträge (an die BKK) zahlen, eine App entwickelt, die Menschen dabei helfen soll, ihr Leben wieder in die eigene Hand zu nehmen, weil sie findet, dass depressiven Menschen trotz aller Widrigkeiten geholfen werden muss und sich wünscht, dass sie deshalb den Kampf unter keinen Umständen aufgeben mögen.

Sorry, der zweite Teil ist von Hitler, aber man nennt seine Scheiß-App nicht “Arya”, wenn man eine Assoziation mit “Arier” vermeiden will.

Was die App bringen soll? Nicht den Hauch einer Ahnung; ich bin kein Psychologe. Vielleicht brauchen die Gutmenschen mehr Suizidale in ihren Reihen für den Endsieg; ich weiß es nicht. Die App funktioniert als Dokumentation ohne nervtötende Vordrucke, und es soll offenbar helfen, sein Stimmungen zu dokumentieren, und da vermeidet die App natürlich depressive Schübe, nur weil man seinen Dokumentationsordner vergessen hat. Wie man dann seinen depressiven Schub, weil man sein Handy verloren hat, dokumentiert, ist eine leider nicht thematisierte Frage.

Zudem erklärt im Fernsehen ein Martin Schulz, dass es bei Depressionen hilft, sich mit anderen auszutauschen, also prinzipiell seine höchstpersönlichen Gefühle in eine sicher ganz toll verschlüsselte Cloud zu laden und der gesamten Welt verfügbar zu machen. Kann die App auch. Martin Schulz ist Peer-Berater, was natürlich zunächst zu der Frage führt, warum so viele Leute Depressionen haben, die Peer heißen, aber das beantwortet sich wohl von selbst.

Eine weiterführende Recherche eröffnet aber dann, dass “Betroffene” andere Betroffene am besten beraten könnten und man sich da so eine angenehme Blase aufpumpen kann wie die Spekulanten an der Börse oder Feministen oder Antifanten oder sonstige bösartige Menschen, weil man dann eben kein Versager mehr ist – scheiß doch auf den Rest der Welt oder die Realität, wir sind schließlich Arya.

Wie gut das funktioniert, sieht man an Martin  Schulz selbst, der im Vorstand der deutschen Depressionsliga ist und schon 30 Jahre Depressionserfahrung hat.

Die deutsche Depressionsliga stellt auf ihrer Internetseite übrigens auch fest, dass Depressionen zu sozialer Isolation und Einsamkeit führen. Um dem entgegenzuwirken, bieten sie deswegen Selbsthilfe in Form von Selbsthilfegruppen an, da es wichtig ist, sich wieder selbst zu finden und die große Brücke zum gegenseitigen Verstehen wieder zu schlagen.

Ich weiß nicht, was solche Fernsehberichte sollen und vor allem nicht, was Fernsehberichte sollen, die dann die ganzen positiven Zuschriften von anderen Depressiven über eine Depressive thematisieren, die sich mit ihrer medienwirksamen App ein Auskommen, eine Aufgabe und damit einen Existenzgrund schafft und derweil jämmerlich und grundlos – aber öffentlich – rumheult, um Identifikationspotenziale zu erschließen. Ich habe ehrlich nicht den Hauch einer Ahnung, ob das mit dem Aufschreiben und Teilen und so was bringt, aber nachdem der Vorstand der diese Theorie vertretenden Institution seit 30 Jahren mit den gleichen Problemen rumläuft, sehe ich da jetzt nicht wirklich einen Erfolg. Weil, das mit der Brücke zum gegenseitigen Verstehen klingt zwar schön, ist aber von Hitler.

Und von daher finde ich es zum Kotzen, wenn jemand das “beste Produkt”, um “die Leben von Betroffenen weltweit zu verbessern” verspricht, und dann mit einer iTunes-App an den Start geht, um für alle zu zeigen, dass Depressionen wirklich nur ein Wohlstandsproblem für Leute sind, die sich ein fucking iPhone leisten können (oder wollen).

Zum Schluss ein ernstes Wort: Depressionen sind scheiße. Depressionen haben auch meistens einen Grund, eine Erfahrung in der Vergangenheit, irgendwas, was auch dann nicht weggeht, wenn man es versteht. Das ist sicher scheiße und deprimierend, und es ist sicher sinnvoll, v.a. für Psychotherapeuten, dass ihre Patienten, denen das evtl. nicht so bewusst ist, wenigstens mal das feststellen, wozu die App vielleicht hilfreich sein könnte.

Was aber Null, ganz genau Null, an dem existenten Problem ändert. Das bleibt, und das ist ein Wohlstandsproblem; da bleibe ich dabei. Die Menschen haben verlernt, ihr Leben zu leben, sind unzufrieden mit viel zu vielem und deswegen unglücklich, und ich bin da auch keine Ausnahme. Es ist menschlich, mehr, mehr und mehr zu wollen, was auch immer die Ausgangssituation ist, und ob man das nun durch eine Arier-Politik oder eine Arya-App zu lösen versucht, ist zum Scheitern an der Realität verdammt.

Es ist menschlich, das Positive im Leben zu ignorieren und das Negative überzubetonen; das ist eine recht neue Einsicht, für die es einen Nobelpreis gab. Das zu erkennen macht sicher nicht weniger depressiv, aber “Is halt so, mei” ist immer noch besser als den Fön in Badewanne zu werfen. Was übrigens nicht funktioniert, dafür gibt es FI-Schutzschalter. Das ist übrigens der blaue im Sicherungskasten, und man kann den mit einer Büroklammer überbrücken, aber 230V lösen das Problem wahrscheinlich auch nicht, man hat nur ein noch beschisseneres Leben, wegen der schweren Verbrennungen.

Es ist aber viel menschlicher, Leben zu wollen, und vor allem gut leben zu wollen. Man sollte einfach versuchen, jeden Moment zu genießen, den man genießen kann, die anderen Momente sind schon scheiße genug. Die kann man dann auch in eine App eintragen; ist eh wertlose Zeit. Umgekehrt verursacht das sofortige Melancholie, weil man den positiven Moment nicht mehr genießen kann; man muss ihn ja schließlich in eine App eintragen.

Das Negative im Leben kommt ganz von alleine, das Positive muss man sich fast immer selbst machen.

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2 Replies to “Die Arier-App”

  1. Gibt’s da nicht so ne alte Surfer-Weissheit: Reite die Welle bis sie ueber Dir zusammen bricht. Falls nicht ist der Spruch der gesteigerten Kreativitaet nach 3 oder 4 Jim Beam black triple aged zuzuschreiben. Was Gutes muss nicht immer billig sein.

    Ich bin so was von depressiv, da hilft nur noch ‘ne Soapie. Aber zuvor muss ich meine strapazierten Knochen (durch rumhocken in U-Bahn, Zug, Flieger und Auto) erst mal lange massieren lassen. Cheerio

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