Fatwa 131471, Burkinis und die Welt

Ich fand es ja im Flugzeug früher nett, die Welt Kompakt zu lesen, das waren Nachrichten. Ich bin nun lange nicht mehr Lufthansa geflogen, weil ich jetzt Turkish Airlines kenne, aber wenn man von der Online-Ausgabe der Welt auf das Niveau der Printausgabe der Welt Kompakt schließen kann, gewöhne ich mich vielleicht sogar endgültig an die Polyesterkissen bei TK statt der LH-Federkissen.

In der Welt ist ein Beitrag erschienen mit dem Titel “Burkini-Verbot oder nicht – wer hat die besseren Argumente“, gefolgt von den “wichtigsten Argumentationslinien der Gegner und Befürworter des Verbots”. Da diese Zusammenstellung schlimm genug ist, erspare ich zumindest meinen Lesern die strunzdumme Einleitung und komme gleich zu den “PRO”-Argumenten. (tl;dr: Es kommen keine). Bei der Gelegenheit möchte ich erwähnen, dass MAN IM INTERNET NICHT IN GROSSBUCHSTABEN SCHREIBT, ES SEI DENN, MAN WÜRDE IRL RUMBRÜLLEN, IHR PISSER!

BURKINIS SIND UNHYGIENISCH. Einige österreichische Badeanstalten verwehren Frauen im Burkini mit dem Verweis auf hygienische Gründe den Zutritt. [bla]

Früher musste man in vielen österreichischen Badeanstalten noch Badekappen tragen, weil Haare unhygienisch waren – ich nehme an, weil die verhinderten, dass die Haare ausfielen. Das muss man heute nicht mehr, von daher denke ich, dass irgendwer auf die Idee kam, dass jedweder ungewaschene Stoff unhygienischer ist als ein frisch geduschter, nackter Mensch. Frisch gekochte Wäsche ist hingegen immer hygienischer als ein Mensch, insofern ist das dennoch kein Argument. Es wäre ein Argument, dass so ziemlich alles, was man in eine hygienische Umgebung reinmacht, eventuell unhygienischer ist als diese Umgebung. Da Schwimmbäder keinen Sinn machen, wenn man Menschen verbietet, ist “weniger Kleidung” prinzipiell als Argument sinnvoll. Beim Meer weniger.

DER BURKINI IST HISTORISCH BETRACHTET EIN RÜCKSCHRITT. Freizügige Badekleidung war auch in Europa früher tabu. Mit dem Burkini kehren wir zurück in diese prüden Zeiten.

Früher war nicht automatisch alles schlecht, nur weil es früher war, und mehr steht da nicht. Das ist auch kein Argument, und da kann man auch keines draus machen.

DER BURKINI MACHT FRAUEN UNFREI. Wenn der Burkini verboten ist, haben Mädchen, die im Badeanzug schwimmen wollen, bessere Argumente, wenn sie konservative Eltern überzeugen müssen.

Nein, das macht er nicht – der Burkini verstößt gegen Fatwa 131471, vor allem in der Umgebung von Mahram. Muslimische Frauen, die einen Burkini tragen, müssen demnach gesteinigt werden (oder so). Was anständige, konservative muslimische Eltern auch hoffentlich machen würden, so ein Kindesopfer ist ja in Religionen praktisch Standard. Aber damit ist das halt auch kein Argument.

DER BURKINI SORGT DAFÜR, DASS SICH ANDERE FRAUEN IM BIKINI NACKT FÜHLEN. […] Sie stören sich allerdings nicht an den Burkini-Frauen selbst, sondern an den Blicken ihrer männlichen Begleiter.

Äh… was? Ganz ehrlich, wtf? Mit einem Bikini ist man nicht nackt. Ohne einen Bikini ist man nackt. Mit einem Kartoffelsack kann man sich auch nackt fühlen, ist es aber nicht. Das kann kein Argument sein, da ist die reductio ad absurdum zu naheliegend: Verbieten wir dünne Frauen, weil sich dicke Frauen sonst unattraktiv fühlen. Oder verbieten wir dicke Frauen, weil sich hässliche, dünne Frauen sonst unattraktiv fühlen. Was ein Unsinn.

Und das war es dann schon mit den Pro-Argumenten. Das einzig sinnvolle, also, mehr Dreck (Menschen, Stoff, Urin) in Schwimmbäder zu tun sei unhygienisch, kam ja nicht. Traurig. Und darüber diskutieren hochbezahlte Politiker wochenlang.

Aber es gibt ja auch noch die Contra-“Argumente”:

RECHTEN «FEMINISTEN” GEHT ES NICHT UM FRAUENRECHTE.

Da kommt noch ein wenig feministischer Bullshit, um zu verschleiern, dass das eigentlich kein Argument ist, aber das ist kein Argument. Rauchverbotsbefürwortern ging es auch niemals um die Gesundheit der Raucher, und es wurde trotzdem verboten. An Stränden, nicht nur in Schwimmbädern. Wäre schön, wenn das nicht passiert wäre, aber da der Maßstab nicht existiert – bööööööd.

DIE HYGIENE-BEDENKEN SIND VORGESCHOBEN. Warum sollte mehr Badeanzug-Stoff unhygienischer sein als ein kleineres Stück des gleichen Materials?

Siehe oben. Mehr Dreck = mehr Dreck. Das ist nicht vorgeschoben, das ist das einzige faktisch haltbare Argument. Und nein, “Bikinis können ja auch ungewaschen sein” ist kein Konter darauf, denn das gilt für Burkinis auch, und dann wäre eben mehr ungewaschen. Die Motivation des Aussagenden ist für die Beurteilung seiner Aussage völlig schnuppe, und wenn man das anders sieht, hat man davon trotzdem kein Argument.

VERBOTE ERZEUGEN TROTZ-REAKTIONEN. Muslime, die glauben, ein Frauenkörper solle in der Öffentlichkeit bis auf das Gesicht komplett verhüllt sein, werden durch das Verbot ausgegrenzt. Mögliche Folge ist ein Rückzug in ein rein-muslimisches Umfeld.

Das widerspricht sich selbst: Eine Trotz-Reaktion auf ein Verbot kann nur sein, sich über das Verbot hinwegzusetzen. Ein Rückzug wäre kein Trotz, sondern eine Anpassung. Und ich sehe nichts kategorisch Negatives daran, sich jeder noch so bekloppten Gemeinschaft anzuschließen, wenn man das will. Ist das Problem der Leute, die das machen. Ich sehe hier nichtmal den Ansatz eines Arguments.

FRAUEN WERDEN IHRER FREIHEIT BERAUBT. Früher gingen streng religiöse Frauen gar nicht schwimmen. Der Burkini gibt ihnen jetzt die Möglichkeit, das zu tun.

Siehe oben, Fatwa 131471. Nein, tut es nicht. Das ist einfach nur Blödsinn. Und welcher Freiheit werden denn welche Frauen beraubt? Frauen, die ihre Religion und ihre Fatwas eh nicht so ernst nehmen, könnten genauso gut nackt baden gehen. Bullshit.

SEXISMUS IST KEIN FORTSCHRITT. In westlichen Staaten sind nackte oder leicht bekleidete Frauen allgegenwärtig – in der Werbung und auf Titelbildern. Teile der Feminismusbewegung beklagen, die Frau werde dadurch zum stets verfügbaren Objekt gemacht. Sie sagen: Das Recht, sich öffentlich auszuziehen, ist keine Emanzipation.

Moment… wir sind hier gerade gegen ein Burkini-Verbot, oder? Also für die Freiheit, Burkinis zu tragen. Burkinis sind das Gegenteil von “sich öffentlich ausziehen” – aber gut, Feminismus und Logik sind trennscharfe Mengen ohne Überlappung. Der Themenbereich Emanzipation hat ebenfalls nichts mit Burkinis zu schaffen; Emazipation ist Selbstbefreiung, insofern würde ein Burkini-Verbot sich emanzipieren wollenden Burkini-Trägerinnen eine neue Möglichkeit geben, sich zu emanzipieren, indem sie trotz des Verbots einen Burkini tragen. Wenn es nicht verboten ist, hat die Frau eh die Möglichkeit, es zu machen. Das ist so verquer, dass es wehtut.

Und da endet der “Artikel”. Morgen erscheint dann sicher wieder einer, wo die Autoren lamentieren, warum keiner mehr Presseerzeugnisse kauft und warum wir dafür eine Zwangsabgabe brauchen, um solch wichtige Indoktrination aufgehalst zu bekommen.

Fein.

Wenn jemanden meine persönliche Meinung zu Burkinis interessiert: Ist mir scheißegal. Wir könnten darüber reden, Babys mit “Schwimmwindeln” zu verbieten, aber höchstens in Schwimmbädern. Nicht im Meer – was im Meer für ein Dreck ist, wollt ihr gar nicht wissen. Verteilt sich aber gut. Und solange ich in einer SS-Uniform am Strand von Nizza entlang laufen darf, dürfen Frauen das auch in einem Burkini. Nicht, dass ich das möchte, aber gleiche Rechte für alle (Spinner).

In Deutschland – mei, wir haben hier ein Vermummungsverbot, was deutlich zu wenig geahndet wird. Das gilt dann auch für Burkas, und man braucht einen triftigen Grund, sein Gesicht zu verdecken. “Ich bin Skifahren und es hat 20° Minus” ist ein solcher, “ich fahre immer mit 200 durch die Innenstadt und Infrarotblitze schädigen meine Gesichtshaut” nicht. Wir können das wirklich gerne ändern, aber wenn ich beim Autofahren keine Burka tragen darf, dürfen Frauen das aus vollkommen irrationalen Gründen sicher nicht.

Ich halte es aber auch grundsätzlich für falsch, Leuten aus irgendwelchen Gründen irgendwelche Vorschriften zu machen, vor allem, wenn es um grundlegende Rechte wie Freiheit und Eigentum geht. Es ist sicher nicht toll, Frauen das Burka-Tragen zu verbieten, wenn sie im Supermarkt klauen gehen, weil das ihre Freiheit einschränkt. Aber identifizier mal eine Burka-Trägerin. Ließe sich einfach lösen – der Ladenbesitzer könnte die stehlende Burka-Trägerin ja auch einfach er- oder zumindest anschießen. Darf er aber nicht. Weil? Yay, Beliebigkeit.

Und ich möchte jetzt nicht den Eindruck erwecken, dass Frauen, die aus religiösen Gründen Burka tragen, klauen würden – das würden sie nämlich ganz sicher nicht. Bei Burkas ist die einzige Frage die Relevanz des Missbrauchspotentials, und bei Burkinis die einzige relevante Frage die nach der Hygiene. Und dank Chlor ist letztere Unsinn, sollen die Leute doch mirwegen in einem Michelin-Männchen-Kostüm schwimmen gehen.

Aber hey, mirwegen verbieten die Politiker das auch, dann hat der militärisch-chemieindustrielle Komplex ein bisschen Chlor übrig, falls mal was jemand gegen überbordende Regulierung machen will.

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