Ethisches Kükenschreddern

In den Nachrichten heute findet sich die Meldung, dass die EU jetzt die (nachweislich nutzlosen) Schockbildchen auf Zigarettenschachteln beschlossen hat. Sciencefiles hat das zum Anlass genommen, auf die Misstände in der industriellen Massentierhaltung hinzuweisen, und schlägt mehr oder weniger satirisch vor, Schockbildchen auf Fleischverpackungen zu pappen.

Auf eine Nachfrage von mir bzgl. der dahinterstehenden Moral – konkreter, Ethik – wurde mir geantwortet, dass Frau Dr. Diefenbach “leider nicht einmal im Ansatz nachvollziehen [kann], wie es für jemanden mit Gehirn und Gewissen möglich sein soll, [tierschutzrechtliche Werte, die zu Vegetarismus führen] nicht zu teilen”.

Nun – ich teile die nicht. Damit bin ich entweder doof oder habe kein Gewissen, und ich bin nicht so doof, Frau Diefenbach bzgl ethischer Fragen zu widersprechen, weil ich von ethischen Fragen echt wenig Ahnung habe – ich habe versucht, Kant zu lesen, aber das war halt nur zum Kotzen. Ich kenne daher nur die Zusammenfassung, und dementsprechend zusammengefasst ist meine Ethik.

Und “meine” Ethik ist zusammengefasst offenbar keine.

Da muss man erstmal schlucken, aber dann liest man, was andere Leute so für “Ethik” haben:

In dem verhandelten Fall müssten “ethische Gesichtspunkte des Tierschutzes und menschliche Nutzungsinteressen” gegeneinander abgewogen werden

…wenn es darum geht, 50 Millionen männlicher Küken zu schreddern. Klar, wen interessieren schon männliche Küken? Und vor allem, was ist mit den weiblichen Küken, die geschreddert werden? Yeah, Feminism, fucking misogyny.

Der wichtige Punkt aber ist die Abwägung. Kann man Ethik abwägen? Muss man? Sollte man? Verdammt, philosophisch-ethische Fragen bis zum Umfallen.

Ist es moralisch in Ordnung, ein Tier zu essen, was aus ausschließlich dem Grund gezüchtet, gefüttert und großgezogen wurde, um es zu essen?

Keine Ahnung. Ich bin nicht die oberste moralische Instanz, aber ich esse es halt. Ich esse auch Fische, die ich selbst geangelt habe – ich meine, es zwingt ja niemand den Fisch, in den Haken zu beißen, oder? Der Fisch ist zu blöde, das nicht zu machen. Das gibt mir nicht das Recht, das auszunutzen, aber die Möglichkeit.

Wenn meine Katze die Möglichkeit hätte, mich zu Fressen, würde sie das machen, wenn sie dazu die Notwendigkeit hat. Das muss ich nicht wirklich belegen, da muss man nur mal in die Wohnung einer alten, toten Feministin schauen.

Ethik ist daher – wenn wir jetzt Tiere einbeziehen – mindestens eine Abwägung von Möglichkeit und Notwendigkeit.

Und wo Frau Diefenbach sicher Recht hat, ist, dass ich keine Notwendigkeit dazu habe, Tiere zu essen. Aber mit der Abwägung wird es interpretierbar, und Frau Diefenbach zieht ihre Grenze so:

Wenn der Grundrespekt vor JEDEM Menschen beinhaltet, dass er gefälligst nicht „genudgt“ wird, sondern lediglich die Möglichkeit haben soll (oder sogar muss), sich über Fakten kundig machen zu können, dann gebietet der Grundrespekt vor JEDEM Lebewesen, dass man es nicht als bloßes Mittel zum eigenen Zweck betrachtet, sondern begreift und akzeptiert, dass es ein Ziel in sich selbst ist – ganz so, wie man das selbstverständlich für sich selbst in Anspruch nimmt, ohne dass man diesen Anspruch für alle Welt überzeugend begründen könnte.

Ich sehe das halt alles vollkommen anders. Ein Grundrespekt vor jedem Menschen kann nur verdammt niedrig bis Null sein, da es faktisch Menschen gibt wie Heiko Maas oder Wolfgang Přiklopil, die ich nun nicht sonderlich respektiere, und das auch für (fast) alle anderen Menschen überzeugend begründen kann. Wo Frau Diefenbach wieder Recht hat und meines Erachtens sogar zu kurz greift ist, dass jeder Mensch aufgeklärt und gebildet sein sollte, und ob man sie dazu zwingen sollte, ist wiederum eine ethische Frage,  die sie vorweggreifend beantwortet – mit dem Imperativ, dass “man” es als selbstverständlich in Anspruch nimmt, allein durch seine Existenz irgendeinen Wert zu haben.

Das ist nun wieder eine andere ethische Frage nach dem Wert, und ich denke, da ich mir selbst  – wie jeder andere auch – einen hohen Wert zumesse, mir aber bewusst ist, dass ich den meisten anderen Menschen – wie alle anderen auch – vollkommen egal bin, das eine sehr subjektive Bewertung ist.

Ich versuche daher, in Interaktionen mit Dritten für diese wertvoll zu sein. Und ich erwarte Reziprozität. Mit meinen Katzen funktioniert das. Mit Menschen – teils. Mit Kühen? Klar, das Video von Peta, was Sciencefiles verlinkt, ist entsetzlich. Geschredderte Küken mag auch keiner sehen, aber die gibt es, wie erwähnt, auch (ungeschreddert) tiefgefroren zu kaufen. Ist das jetzt “besser”? Schlechter? Alles gleich verwerflich?

Frau Diefenbach weist am Ende darauf hin, dass sich “Totalitarismus und Faschismus … durch Anspruch ohne überzeugende Begründung aus[zeichnen]”. Ich mag ja eine seltsame und befremdliche Moralvorstellung haben, und die mag auch “keine” sein, aber ich kann sie zumindest begründen – vielleicht nicht überzeugend, aber ich versuche ja auch nicht, Dritte aufzuklären / zu missionieren / umzubringen.

Ich werde sicher nicht behaupten, dass “stirb doch” oder “fressen und gefressen werden” jetzt auf irgendeinem Level ethisch super toll wären, aber rein faktisch fressen mich irgendwann irgendwelche Würmer auf – oder ich lasse meine Leiche verbrennen, werde (Photosynthese rocks!) eine Blume, und die wird dann von irgendeinem Wurm gefressen.

Ich finde,  das ist “Natur”. Das kann nicht moralisch-ethisch schlecht sein. Das ist halt so. Der Wolf jagt auch Eichhörnchen, der hat Möglichkeit und Notwendigkeit. Davon ist das Eichhörnchen trotzdem tot. Und das war ein freies, selbstbestimmtes Eichhörnchen, was alle Potentiale der Welt gehabt hätte. Die Kuh aus der Massentierhaltung hingegen wäre überhaupt nicht geboren worden, wenn niemand Interesse daran hätte, sie zu essen. Meine Güte, ihre Mutter hatte nichtmal Sex mit einem attraktiven Bullen, sondern irgendein Tierarzt hat ihr Sperma in die Vagina geschoben. Mit einem ärmellangen Latex-Handschuh.

Wäre es jetzt ethisch besser, das Rindvieh, was ich zum Abendessen hatte, wäre überhaupt nicht erst geboren worden? Ist es besser, wenn es von einem Biobauernhof kommt, wo der psychopathische Bauer die Kühe verprügelt, um seine Aggressionen auszulassen, als von einer industriellen “Farm”? Und vor allem: Wieso sollte das mein Problem sein?

Woher soll ich das wissen?

Ich weiß es schlicht nicht. Und sonst auch niemand, sonst könnte ich es ja irgendwo nachlesen. Weswegen ich nicht politisch aktiv bin – denn da hat Frau Diefenbach schon recht, ich wäre totalitär. Was ich aber weiß; weiß, dass es schlecht ist, und es deswegen nicht mache. Im Gegensatz zu allen anderen, immer totalitären Politikern.

Wie wohl Frau Diefenbach schmeckt?

Ah, bei heftigen Themen immer Babykätzchen:

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3 Replies to “Ethisches Kükenschreddern”

  1. Sag mal, liegen die Katzen auf einem, mit Küchenpapier ausgelegtem Teller, der auf einer Küchenwaage steht? Was müssen sie denn so haben für dein Rezept?

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