Unwissenheit gehört zu Deutschland

Hannah Arendt hat ein Buch darüber geschrieben, wie ignorant sich das deutsche Volk unter Hitler verhalten hat. Um danach verwundert festzustellen, zum Beispiel bei den Nürnberger Prozessen, dass “hööö… wusste ich gar nicht” und “aber der X hat gesagt, ich soll das machen” keine sonderlich ethische Position ist. Respektive eine ethische Position ist, für die man durchaus mal gehängt wird, wenn es anderen nicht passt.

Heute leben wir in einer Zeit, in der Marc-Uwe Kling für seine geistig behinderte emotionalisierende Differenzierung von Links- und Rechtsextremismus gefeiert wird:

»Doch, doch«, ruft das Känguru laut dazwischen. »Es gibt einen Unterschied. Die einen zünden Ausländer an, die anderen Autos. Und Autos anzünden ist schlimmer. Denn es hätte mein Auto sein können. Ausländer besitze ich keine.«

Denn im vorangehenden Satz, dass es keinen Unterschied zwischen Links- und Rechtsextremismus gäbe, wird damit eine spezifische Moral aufgewertet, die andere wird lächerlich gemacht. Eine universelle Moral wäre hingegen, beides für falsch oder schlecht zu halten. Das muss man auch nicht – besonders nicht in Deutschland – vergleichen, aufwiegen oder sonstwas, denn es kann und darf in einem Rechtsstaat keine Gleichheit im Unrecht geben.

Von daher ist Marc-Uwe Kling für linke Autoanzünder und deren Sympathisanten sicher eine schillernde Lichtfigur, aber so ein Blick auf die grundlegenden Menschenrechte lässt keine Priorisierung zwischen Leben und Eigentum erkennen. Nicht nur das, es steht wörtlich in Artikel 2. Damit ist Kling beliebig, und Beliebigkeit in Rechtsfragen ist – schlicht – Unrecht.

Wörtlich steht da in Artikel 2, noch bevor die Rechte kommen:

without distinction of any kind, such as race, colour, sex, language, religion, political or other opinion, national or social origin, property, birth or other status

Von daher ist es im Rahmen dieser – meines Erachtens bis auf die Einschränkungen, die man streichen sollte- hervorragenden, universellen und moralischen Grundlage kein bisschen besser, ob das politische Feindbild nun Juden oder Reiche sind; beide antagonisierenden Gruppen sind als “einfach nur scheiße” zu beurteilen.

Nun ist mein eigentlicher Aufhänger für diesen Post die unglaublich dumme Schlagzeile “Studie zeigt: Mehrheit der Deutschen lehnt den Islam ab“. Denn die haben nichtmal gefragt, ob die Befragten den Islam ablehnen, die haben gefragt, ob der Islam zu Deutschland gehört.

Und das tut er nicht. Der Islam hat auf staatlicher Ebene absolut überhaupt nichts zu Deutschland beigetragen, und damit ist das in einem säkularen Staat einfach nur eine wahnsinnig blöde Frage, die aufzeigt, dass immerhin noch 34% der Deutschen nicht finden, dass wir ein säkularer Staat sind.

Beziehungsweise sein sollten, denn de Facto sind wir das eh nicht, das steht hübsch verklausuliert in §140GG, der rein praktisch alle Vereinbarungen zwischen allen (aus guten Gründen) nicht mehr existenten Vorgängernationen Deutschlands und den immer noch existierenden Kirchen als weiterhin gültig festsetzt. Von daher gehört das Christentum zu Deutschland. Und Ende.

Könnten wir also bitte aufhören, uns über die Akzeptanz des Islam zu echauffieren und über echte Probleme reden, wie beispielsweise, dass wir ein totalitärer Gottesstaat sind, kein bisschen besser als Saudi-Arabien, und kein moderner, säkularer Staat? Wir könnten ja, statt noch mehr Religionen per Dekret des Bundespräsidenten oder Emotiönchen von 1.000 Infratest-Befragten zu Deutschland zu zählen, uns darauf konzentrieren, dass wir über den Scheiß eigentlich seit 200 Jahren weg sein sollten und Staat und Kirche zwei unterschiedliche Baustellen sein sollten, wenn wir uns irgendwie als modern oder demokratisch bezeichnen wollen?

Denn Religionen repräsentieren in einem pluralisitschen (also, säkularisiertem, idealerweise laizistischem) Staat niemals eine universelle, sondern immer nur eine spezifische Moral. Und wozu spezifische Moralvorstellungen führen, sollten wir als Deutsche ganz besonders gut wissen.

Es gibt nämlich, außerhalb religiöser Kontexte, nur “gut” versus “schlecht”, nicht “gut” versus “böse”. Böse ist eine beliebige, dogmatische Zuschreibung. Schlecht ist empirisch prüfbar.

Und es ist schlecht, irgendwas als “böse”, “Sünde” oder “haram” darzustellen, wenn sich dazu kein 100%iger Konsens einstellen kann, was nicht passiert, wenn es nicht wirklich schlecht ist. Was wirklich schlecht ist, ist mangelnde Bildung, Ignoranz und Dummheit. Und die ist nicht von den Menschenrechten geschützt. Aus gutem Grund. Bildung ist nämlich ein Menschenrecht.

Das heißt, dass die Gesellschaft allen Individuen Bildung schuldig ist. Dass oder wenn die Individuen die Bildung (im Sinne von empirisch prüfbarer Wahrheit) zugunsten irgendeiner Ideologie ablehnen oder erst gar nicht akzeptieren, ist das nur dann ein Problem der Gesellschaft, wenn die Gesellschaft die Individuen dazu zwingen könnte. Zu Bildung. Was nicht geht, vor allem nicht bei Idioten. Das werden dann pseudo-gebildete Idioten, siehe unsere Bundesregierung.

Und nein, man sollte nicht Idioten umbringen. Aber man sollte den Idioten nicht, wie das in Schulen passiert, beibringen, dass der Staat schon ganz fein ist und wichtig und sich kümmert, sondern Eigenverantwortung. Und dazu gehört auch, dass man, wenn man für den Rest der Gesellschaft absolut inakzeptable Scheiße gebaut hat, notfalls hängt. Gerne stolz auf seine dämliche Überzeugung, wie Julius Schleicher oder Saddam Hussein. Der Knackpunkt ist dämlich und objektiv schlecht, nicht Überzeugung.

Aber gut, in einer parlamentarischen “Demokratie” geht das natürlich nicht. Die sind ja nicht verantwortlich.

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