Handgranaten

Nicht falsch verstehen: Ich finde es gut, dass man endlich mal was gegen politische Radikale macht, die Fensterscheiben zerstören, ich finde es nur etwas seltsam, dass man mit der GSG 9 bei ein paar Spinnern in Freital einrückt und nicht in der Rigaer Straße in Berlin.

Mich irritiert nur der Unterschied in der Berichterstattung: Werfen ein paar Linke Molotow-Cocktails auf Polizeiautos, ist das eine Randmeldung. Findet man fünf Rechte Spinner in Freital, wird es als totaler Erfolg gefeiert, wenn man bei denen ein paar Polenböller findet. Obwohl beides – Polenböller in der Nähe von Polen und Neonazis in Freital  – niemanden wundern dürfte.

Der Erfolg aber liegt in der Heftigkeit der “Attentate”, denn, so belehrt RTL (oder so, ist egal welcher Mist-Sender gerade läuft), “Polen-Böller haben fast so viel Sprengkraft wie Handgranaten”.

Und das ist der Punkt, der mich echt wunderte. Respektive störte, weil dazu gab es dann auch gleich ein Video mit einem Polenböller neben einer Wassermelone, und die blieb total heile (also, die abgewandte Hälfte – und Wassermelonen sind nicht sonderlich stabil). Hier gibt es ein sehr viel cooleres Video.

Was sehr dumm von den Neonazis ist, denn die Verwendung von ein bisschen Ammoniumnitrat in einem Fertigprodukt mit Beton gilt in Deutschland genauso als Sprengstoffattentat, als wenn man echten Sprengstoff verwenden würde, dafür müsste man das Ammoniumnitrat aber noch mit – ach, googelt selbst. Deswegen sind ja auch Molotow-Cocktails nur Brandsätze, keine Sprengstoffe, und da liegt eben der Unterschied, ob man nun Rechtsterrorist ist oder linker Aktivist eben nicht.  Offensichtlich.

Was die Trolos – so das Fernsehen – gemacht haben sollen, ist, ein paar so Böller an die Fenster geklebt zu haben, und dann Bumms. Hat sich wohl auch jemand beim Scherben aufsammeln geschnitten, deswegen bejaht eine interviewte Staatsanwältin auch gleich mal Tötungsabsicht. Wo grundsätzlich nichts dagegen spricht, ich denke durchaus, dass die doof genug sind, zu denken, damit bekommt man Leute tot, ohne das den zu Tötenden vorher in den Hals zu stecken. Aber zurück zum Thema Handgranaten:

Handgranaten sind als militärisches/terroristisches Werkzeug als weitestgehend nutzlos eingestuft worden, bis jemand die Splittergranate erfunden hat. Bei der kommt die Wirkung nicht mehr aus der Sprengkraft und der daraus resultierenden Schock- und Hitzewelle, sondern aus den Splittern. In Swordfish gibt es da eine schöne SlowMo-Szene zur Illustration. “Moderne”, also unter 100 Jahre alte Handgranaten haben also tatsächlich recht wenig Sprengstoff.

“Recht wenig” ist allerdings relativ – ein China-Böller D hat 2,35 g Schwarzpulver (der Rest ist Papier & Lehm) – das ist für eine Vorderladerflinte zur Jagd mehr als die Hälfte zu wenig. Ein Polen-Böller hat 2,9g Ammoniumnitrat – Magnesium – Mischung, der etwa 40% so viel explodiert wie TNT. Eine moderne Handgranate hat 164 Gramm Composition B, eine Mischung aus TNT und RDX.

Bin ich der Einzige, der sich verarscht vorkommt, wenn einem erzählt wird, irgendein polnisches Kinderspielzeug mit nichtmal 0,7% eines Gefahrstoffäquivalents sei so gefährlich wie eine Kriegswaffe? Und als solche behandelt wird?

Aber es muss die Linken Politiker in Sachsen super freuen, endlich mal was gegen illegale, terroristische Sprengstoffanschläge verübende Neonazis machen zu können, mit GSG9 und allem Trara. Dann kann man auch gleich Connewitz unter den Tisch kehren, Molotow-Cocktails sind ja schließlich (in Bestandteilen, zumindest), nicht verboten. Rezept der Antifa hier. Verlogenes Pack.

 

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3 Replies to “Handgranaten”

  1. Nach der NSU-Geschichte hat man wohl gelernt, dass man so etwas ernst nehmen sollte. Mein erster Gedanke war auch, dass hier mit den berühmten Kanonen auf Spatzen geschossen wurde, um öffentlichkeitswirksam eine Reaktion zu zeigen. Letztendlich ist es doch aber wurscht, welches Sprengmittel hier zum Einsatz kam. Es bleibt eine politisch motivierte Tat und wenn die andere Mittel zur Verfügung gehabt hätten, wären diese wohl auch zum Einsatz gekommen.
    Ich habe vor meinem geistigen Auge auch die, nicht immer legalen, Bölleraktionen aus der Jugendzeit gesehen und überlegt, ob da heute gleich die Abteilung “Blitz und Knall” erst vor und dann hinter der Tür stehen würde. Nur waren es bei uns eher ausgediente Alltagsgegenstände, die mehreren Vogelschreck zum Opfer fielen und keine Flüchtlingsheime, oder Politikerautos.
    Das bei polizeilichen Ermittlungen Unterschiede gemacht werden, ob eine Straftat aus linker oder rechter Ecke (bzw. Rand) kommt, halte ich für ein Gerücht, welches gern von beiden Seiten in Anspruch genommen wird.
    Es waren auch nicht linke Politiker, die hier “etwas gemacht haben”, sondern:

    “Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe hatte erst vor wenigen Tagen die Ermittlungen in Sachen Freital übernommen.”

    Die ortsansässigen Politiker hätten das bestimmt gern noch länger klein gehalten.

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    1. Ich habe nach Deinem Kommentar noch etwas nachrecherchiert, weil mir das mit dem “wenige Tage zuvor”-Generalbundesanwalt komisch vorkam.

      Der interessante und wichtige Punkt ist dabei, dass der Generalbundesanwalt (wusste ich nicht) laut seiner offiziellen Internetseite ein “politischer Beamter” ist, also keineswegs unabhängig, sondern der (Regierungs-) Politik verpflichtet. Und von Maas benannt – äh, “vorgeschlagen”.

      Das relativiert allerdings gleichzeitig die GSG9; ich gehe mal davon aus, dass – weil das Bundessache ist – da halt kein lokales SEK mitkommt, sondern eben die entsprechenden Bundespolizisten – GSG9. Und natürlich nimmt man da eine Spezialeinheit mit; die Polizei ist ja in der Regel nicht doof. Und der Fisch stinkt immer vom Kopf her.

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