Romni

Nein, nicht Rommé. Romni. Rommé ist ein Kartenspiel. Das ist eine Romni:

Also, um genau zu sein, zwei Romnija. Vielleicht drei, bei dem Kind mit dem Schnuller bin ich nicht sicher. Der Junge links ist, wie der Junge rechts, ein Rom, also sehen wir hier zwei (oder drei) Roma und zwei (oder drei) Romnija. Alle fünf sind Roma. Gott, ich verstehe gerade, warum Leute Roma nicht leiden können.

Roma gelten als ethnische Gruppe. Eine ethnische Gruppe ist “eine abgrenzbare Menschengruppe, der aufgrund ihres intuitiven Selbstverständnisses und Gemeinschaftsgefühls eine eigenständige Identität als Volksgruppe zuerkannt wird”.

Wie uns die Bundeszentrale für politische Bildung erklärt, sind Roma südosteuropäische Zigeuner, klar abzugrenzen von den Sinti, mitteleuropäischen Zigeunern. Zigeuner wird von Zigeunern, also von Sinti und Roma, als diskriminierend empfunden, weswegen man sie jetzt Sinti und Roma nennt. Wobei österreichische Sinti und Roma das auch schon wieder diskriminierend finden.

Ich erwähne das deswegen, weil wir ja oben gesehen hatten, dass Roma als ethnische Gruppe gesehen werden. Dafür gibt es auch einen Grund, konkret “intuitives Selbstverständnis” oder “Gemeinschaftsgefühl”.

Was Roma als ethnische Gruppe im Speziellen auszeichnet ist, dass sie sich diskriminiert fühlen. Roma sind also quasi wie Feministen, nur, dass Feministen nicht als ethnische Gruppe angesehen werden. Glaubt ihr nicht? Lest den scheiß Wikipedia-Artikel doch selber!

Aber bleiben wir beim Thema, der erwachsenen Romni auf dem Bild. Das ist Djulieta Avdonovic, die ja für ihr Alter auf den ersten Blick gar nicht schlecht aussieht, vor allem, wenn man bedenkt, dass das ihre vier Kinder sind. Das relativiert sich dann natürlich, wenn man erfährt, dass sie erst 25 ist. Djulieta ist aber nicht deswegen wichtig, weil sie mit Ende Dreißig noch halbwegs passabel aussieht, sondern weil sie gerade abgeschoben wurde. Noch bevor über ihren Härtefallantrag entschieden wurde. Und obwohl die Familie Träger eines Integrationspreises ist. Da kann man sich als Gutmensch doch mal richtig schön echauffieren, oder?

Naja, gut, das ist halt so das Problem, wenn man der Lügenpresse vertraut und nur die Überschriften liest – die sind natürlich keine Träger eines Integrationspreises. Aber es gibt offenbar tatsächlich 641 Menschen, die es nicht OK finden, dass Djulieta und ihre vier Kinder abgeschoben werden. Ich gehöre zu den übrigen 99, 999204911% der deutschen Bevölkerung, dem das ziemlich egal ist, aber es ist ja mal ein schöner Anlass, um sich mit Romnija und Roma zu beschäftigen. Mei, was bin ich heute geschlechtergerecht.

Frau Avdonovic kommt aus dem Kosovo, das ist eines der Länder, die von Jugoslawien übrig geblieben sind, nach dem blutigen Bürgerkrieg und dem anschließenden NATO-Flächenbombardement vor 25 Jahren. Man kann sich den Kosovo so vorstellen wie das Nachbarland Albanien, nur ohne regierende Junta und ohne Küste. Quasi wie den Garten Eden, direkt nach Explosion einer Wasserstoffbombe. Obwohl Priština einen (kurzen) Besuch (ohne Wertsachen) wert sein soll.

Naja, Djulieta will halt nicht zurück in den Kosovo und war auch schonmal weggegangen, nach Serbien. Nun ist Serbien nicht gerade Kroatien, und Kroatien nicht das Land, in dem Milch und Honig fließen, aber der Kosovo ist halt wohl echt das letzte Drecksloch. Vor allem, erklärt Amnesty International, für Roma, denn die werden da diskriminiert.

Nun wundert mich das natürlich nicht, dass Roma im Kosovo diskriminiert werden; die sind ja als enthnische Gruppe so definiert, dass sie eine diskriminierte Minderheit sind. Würde man sie nicht diskriminieren, wären sie ja keine diskriminierte Minderheit mehr, also keine Roma, sondern nur noch eine nicht näher zu spezifizierende Minderheit. Oder halt einfach Jugoslawen (oder wie die Länder mittlerweile heißen). Natürlich aber finde ich es betrachtenswert, den eventuellen “Härtefall” von Djulieta mal zu analysieren:

Roma, so informiert AI, haben im Kosovo Probleme. Weil man im Kosovo Probleme hat, wenn man keine Dokumente hat. Ja, das ist furchtbar, wenn man keine Dokumente hat. Fast wie in Deutschland.

Nun haben Roma echt wenig Dokumente. Weil – äh – keine Ahnung, sie Roma sind? Sich wie Djulieta mit 14 von irgendwem anbumsen lassen? Und dann wieder mit 16, 19 und 23? Ja, mal ehrlich, wenn ich immer nur trächtig wäre, hätte ich vielleicht auch keine Dokumente. Aber da kann doch nun niemand (außer ihr selbst) was für, oder? Ist das nun auch konstitutives Merkmal der ethnischen Gruppe “Roma” – vaterlose Kinder in die Welt setzen?

Ja, sagt Amnesty International. Auch das sei übrigens diskriminierend. Weil – äh – Gründe!

Djulieta Avdonovic musste im Kosovo mit ihren vier Kindern auf der Straße leben, weil niemand Roma eine Wohnung vermietet (sage nicht ich, steht in dem verlinkten Artikel und bei AI). Hmmm, denke ich da, ist eine arbeitslose, alleinerziehende Mutter mit vier Kindern nicht der Traum jedes Vermieters? Nein, natürlich ist sie das, das ist nur Diskriminierung!

Arbeitslos? Ja, natürlich ist die Frau arbeitslos. Wie die übrigen Roma auch (sage nicht ich, sagt AI). Das liegt natürlich nicht daran, dass die nur rumbumsen; nein, das ist Diskriminierung!

Ah, und dann gibt es dann noch die UCK-Rebellen. Also, nicht im Kosovo, und nicht gibt, sondern gab, aber die UCK mochten (bis vor 17 Jahren) keine Roma. In Albanien. Und deswegen fühlen sich Roma bedroht. Was praktisch ist, so “bedroht” kann man sich gleich viel diskriminierter fühlen.

Ja, und nun sitzt die früher-mal-attraktive Djulieta irgendwo in der Nähe des Flughafens von Priština in einer vermüllten Wellblechhütten-Zigeunersiedlung und kann nicht mehr lamentieren, dass ihr niemand hilft, weil ihr nicht nur niemand hilft, sondern nicht mal mehr jemand zuhört. Die Leute im Kosovo haben nämlich andere Probleme, als irgendeiner Schlampe zuzuhören – 40% Arbeitslosigkeit zum Beispiel. Leben unter der Armutsgrenze (nicht der luxuriösen deutschen, sondern der echten von 1$/Tag). Und so.

Und derweil müssen wir uns in Deutschland damit beschäftigen, wie es denn sein kann, dass die Härtefallkommission sich nicht mit Djulieta beschäftigt hat, bevor wir sie in den Flieger nach Priština gesetzt haben.

Wozu ich eine ganz klare Meinung habe: Das geht natürlich gar nicht. Wir sind hier ein anständiges Land, wo alles mit Recht und Ordnung zuzugehen hat. Es kann nicht angehen, dass das arme Mädel und ihre vier Blagen einfach abgeschoben wird, bevor die Härtefallkommission beschlossen hat, dass das kein Härtefall ist. Das ist inakzeptabel, und dass muss Konsequenzen haben! Ich sehe da keine andere Lösung, als die Härtefallkommission in den nächsten Flieger nach Priština zu setzen.

Advertisements

3 Replies to “Romni”

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s