Beten gegen religiösen Fanatismus

In Paris sind gestern Nacht 128 Menschen erschossen, in die Luft gesprengt oder von Splitterbomben getötet worden. In den Medien läuft nichts anderes mehr, und alle Politiker weltweit sind voll mit “Anteilnahme und Solidarität mit Frankreich”.

Hier geht es um uns, um die Art, wie wir leben“, titelt die Welt, mit Bezug auf Präsident Hollande, der nach der mir bekannten Übersetzung gesagt haben soll, dass sich der Angriff gegen die französischen, die westlichen Werte richten würde, die sie überall auf der Welt verteidigen würden.

Nun habe ich nichts gegen westliche Werte im Allgemeinen, aber ich zähle – im Gegensatz zu offenbar Herrn Hollande – Bombenangriffe mit “Kollateralschäden” in anderen Ländern nicht zu zentralen westlichen Werten, vor allem nicht unter dem Vorwand der Flüchtlingsproblematik (natürlich aber auch nicht aufgrund des islamischen Dschihad).

Ich habe aber ein riesiges Problem mit der Argumentation, denn die “Werte verteidigen”-Argumentation ist halt eine wertebasierte Argumentation, und nur weil mir meine Werte wichtig sind, muss das nicht für jeden anderen gelten. Wenn also die (offenbar) islamistischen Kämpfer einfach nur “ihre” Werte überall auf der Welt verteidigen wollten, dann müssten wir eine Wertediskussion darüber führen, ob westliche Werte besser sind als islamistische. Ich habe dazu eine Meinung (ja), aber wer bin ich, die irgendeinem syrischen Bauern aufzudrängen? Ist ja nun nicht so, als hätte ich die Weisheit mit Löffeln gefressen. Oder Herr Hollande. Die “Freiheitskämpfer” sicher auch nicht, aber deren Argumentation für die Angriffe war ja nun “Hollande ist schuld, euer Präsident ist schuld, er hat nicht in Syrien einzugreifen“.

Dem habe ich wirklich nichts entgegenzusetzen. Wenn ich ein syrischer Bauer wäre, und in meiner Scheune campiert der IS, vergewaltigt Jesidinnen und bildet Kindersoldaten aus, fände ich das nicht so prickelnd, würde aber wie jeder vernünftige Mensch gegenüber einem oppressiven Regime mein Maul halten. Ganz besonders, wenn der IS mich für meine Unterstützung entschädigt.

Wenn dann ein ein 80-Millionen-Rafaele-Kampfjet mit einer 800.000-Euro Cruise Missile meine Lebensgrundlage zerstört, die etwas 800.000 syrische Pfund (4.000 Euro) wert ist, wäre ich echt sauer.

Wenn dann Frau Merkel sagt, syrische Flüchtlinge (bin ich ja nun) seien in Deutschland willkommen, fahre ich da mit dem Geld, was ich noch habe, da natürlich hin. Gerüchtehalber gibt es da ja 4.000 Euro pro Jahr für lau (zumindest gibt es Leistungen für um die 10.000 Euro).

Wenn ich dann feststelle, dass man in Deutschland für 10.000 Euro p.a. in einem gottverdammten Stockbett in einer Turnhalle schlafen muss und noch ab und zu von ein paar Idioten verprügelt wird, wenn die nicht gerade beschäftigt sind, einheimische Idioten zu verprügeln, wünscht man sich doch schon irgendwie seinen Hof in irgendeiner Pseudo-Oase in der syrischen Wüste zurück. Idealerweise ohne den IS. Aber auch mit dem IS war es noch besser als im ach so tollen Westen.

Und dann sehe ich im Fernsehen, wie die westlichen Politiker nach einem kleinen Angriff mit gerade mal 130 Opfern alle für Frankreich beten. Ich könnte vielleicht gut genug Deutsch oder Englisch, um zu lesen, dass wenigstens einer sagt, dass das in Syrien Alltag ist, aber sauer wäre ich trotzdem. Sehr sauer. Ob ich so sauer wäre, mich selbst in die Luft zu sprengen, weiß ich nicht, ich bin aber kein syrischer Bauer. Ich bin Deutscher.

Und ich bin auch sauer. Alle Opfer des Anschlags haben meine volle und ehrliche Anteilnahme und Solidarität. Wie übrigens auch alle zivilen Opfer der Nato-Luftangriffe.

Frankreich, GB und die USA als solche und ganz besonders ihre Staatspräsidenten haben von mir hingegen genau Null Solidarität zu erwarten. Angriffe auf die Zivilbevölkerung sind Kriegsverbrechen, und ich möchte nicht, dass unsere Kanzlerin für mich erklärt, ich wäre mit jemandem solidarisch, der sowas macht.

Nicht nur, weil die Nuremberg defense (“wusste ich ja nicht” / “das wurde oben entschieden” / “ich habe ja nur gemacht, was mir gesagt wurde”) keine legitime Verteidigung ist.

Nicht nur, weil ich finde, dass es genau Null verwunderlich ist, dass Leute sauer sind, denen man ihre Lebensgrundlage (Infrastruktur, Wasser, Strom) wegbombt, ohne das Problem (ISIS) zu beheben.

Sondern weil ich finde, dass Politiker für ihre Handlungen verantwortlich sein sollten, und nicht das Volk, das sie gewählt hat. Vor allem aber nicht der Teil des Volkes, der sie nicht gewählt hat.

Von daher möchte ich den ach so westliche Werte verteidigenden Politikern vorwerfen, dass sie nach relativ beliebigen (terroristischen) Angriffen auf zivile Einrichtungen nichts besseres zu tun haben, als die Sicherheitsvorkehrungen bei staatlichen Einrichtungen zu erhöhen. Liebe Politiker, ich zahle meine Steuern nicht, dass ihr Leute am Arsch der Welt sauer macht, und ich zahle auch nicht dafür, dass ihr davon beschützt werdet, dass die euch dann in die Luft sprengen wollen. Dass Euer Leben nämlich mehr wert sei als meines ist kein westlicher Wert, sondern Totalitarismus.

Und das zeigt sich genau in den Parallelen Eurer Ansichten gegenüber den totalitären IS-Anhängern – die beten zu Allah für einen islamischen Staat. Und die bombt ihr tot. Ich werde einen feuchten Kehricht tun und für Frankreich beten, gleich zu welchem Gott. Nicht, solange ihr denkt, es sei super, Leute totzubomben, die von einem Staat nach ihren Vorstellungen träumen.

Hört doch mal auf, so zu tun, als seid ihr besser als die anderen, vor allem besser als ich. Ich bin kein besserer Mensch als ein syrischer Bauer, eine kurdische Jesidin oder eine ein perspektivloser palästinensischer Jugendlicher. Aber ihr seid schlimm. Sehr schlimm. Ihr seid die Leute, die daran Schuld sind, dass es den syrischen Bauern und den kurdische Jesidinnen so schlecht geht und die palästinensischen Jugendlichen so perspektivlos sind. Hört doch einfach mal auf, Eure ach so tollen “Werte” überall auf der Welt zu verteidigen oder gar dafür zu beten. Ihr könntet einfach mal aufhören, Leute umzubringen, und mit Leuten, die anderer Meinung sind, reden. Zuhören. Und sich dann einigen.

Die meisten Menschen wollen nämlich einfach nur in Ruhe leben können.

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